Dialogforum von UBi 2026: Vom Glühwürmchen zur Unternehmensstrategie

Bild des Autors erstellt am 27.06.2026
von CSCP gGmbH

Wann haben Sie zuletzt ein Glühwürmchen gesehen? Mit dieser Frage eröffnete Oliver Conz, Leiter der Abteilung Naturschutz, nachhaltige Naturnutzung und natürlicher Klimaschutz im Bundesministerium für Umwelt, Klimaschutz, Naturschutz und nukleare Sicherheit, seine Ansprache beim Dialogforum 2026 von „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“.

Die Frage blieb hängen. Denn sie machte deutlich, worum es an diesem Tag ging. Der Verlust biologischer Vielfalt ist leise. Ein Insekt verschwindet aus der Erinnerung. Ein Moor trocknet aus. Ein Wald verliert seine Widerstandskraft. Und doch bleiben die Folgen nicht in der Natur. Sie erreichen Unternehmen über Wassermangel, Rohstoffknappheit, destabilisierte Lieferketten, steigende Preise, unsicher werdende Standorte, sinkende Produktivität und gefährdete Finanzierungen.

Am 17. Juni 2026 kamen im Allianz Forum Berlin rund 300 Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft und Naturschutz zusammen, um unter dem Titel „Zukunft sichern – Biodiversität in Unternehmensstrategien“ zu diskutieren, wie Biodiversität Teil unternehmerischer Entscheidungen werden kann.

„Für eine zukunftsfähige und auf Dauer krisenfeste Wirtschaft wird biologische Vielfalt bei unternehmerischen Entscheidungen immer wichtiger. Investitionen in den Schutz und die Wiederherstellung der Natur sind aktive Risikovorsorge und bieten Chancen für die Wirtschaft“, sagte Conz.

Oliver Conz spricht beim Dialogforum 2026 von „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ am Rednerpult im Allianz Forum Berlin.

Oliver Conz, Leiter der Abteilung Naturschutz, nachhaltige Naturnutzung und natürlicher Klimaschutz im BMUKN, eröffnete das Dialogforum 2026 von UBi mit einer Ansprache zur Bedeutung biologischer Vielfalt für Wirtschaft und Gesellschaft. | © Tom Maelsa

Biodiversität betrifft jedes Unternehmen

Wie unmittelbar Biodiversität mit wirtschaftlicher Stabilität verbunden ist, zeigte auch der Kurzimpuls zum aktuellen IPBES Business and Biodiversity Assessment. Dr. Valerie Köcke, Geschäftsleiterin der ‘Biodiversity in Good Company’ Initiative e. V., und Gregor Laumann, Abteilungsleiter Klima, Politik und Internationales beim DLR Projektträger, ordneten ein, was der Bericht für Unternehmen bedeutet.

Eine zentrale Botschaft lautete, dass Biodiversität jedes Unternehmen betrifft, unabhängig von Branche, Größe oder Standort. Unternehmen sind auf Naturleistungen angewiesen und beeinflussen biologische Vielfalt zugleich über Standorte, Lieferketten, Rohstoffe, Produkte und Investitionen.

Dabei wurde deutlich, dass Unternehmen  nicht auf perfekte Daten warten müssen. Entscheidend ist, die eigenen Abhängigkeiten und Auswirkungen Schritt für Schritt besser zu verstehen und Biodiversität dort zu verankern, wo wirtschaftliche Entscheidungen getroffen werden: in Beschaffung, Produktentwicklung, Risikomanagement, Finanzierung und Strategie.

Gregor Laumann und Dr. Valerie Köcke sprechen beim Dialogforum 2026 von UBi mit Moderatorin Dr. Tanja Busse über das IPBES Business and Biodiversity Assessment.

Gregor Laumann, Abteilungsleiter Klima, Politik und Internationales beim DLR Projektträger, und Dr. Valerie Köcke, Geschäftsleiterin der ‘Biodiversity in Good Company’ Initiative e. V., ordneten im Gespräch mit Dr. Tanja Busse zentrale Botschaften des IPBES Business and Biodiversity Assessment für Unternehmen ein. | © Tom Maelsa

Podiumsdiskussion: Biodiversität zwischen Risiko, Regulierung und Chance

In der anschließenden Podiumsdiskussion mit Fishbowl diskutierten Oliver Conz, Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese vom Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, Uta Maria Pfeiffer vom Bundesverband der Deutschen Industrie, Lars Baumgürtel von ZINQ und Claudia Kister vom Bankenverband über konkrete Hebel für Unternehmen.

Prof. Dr. Katrin Böhning-Gaese betonte, dass Unternehmen längst wissen, wie stark sie von Naturleistungen abhängig sind: „Unternehmerinnen und Unternehmer sind klug. Sie denken in die Zukunft. Sie wissen, dass sie in irgendeiner Form von der Natur und den Leistungen der Ökosysteme abhängen.“

Aus Sicht der Industrie wurde Biodiversität vor allem im Kontext des Risikomanagements diskutiert. Unternehmen sind es gewohnt, Risiken zu bewerten und zu steuern. In diese Logik müsse Biodiversität stärker einbezogen werden. Zugleich zeigte die Diskussion, dass eine Betrachtung von Biodiversität allein als Risiko zu kurz greift.

Lars Baumgürtel, geschäftsführender Gesellschafter der ZINQ GmbH & Co. KG, lenkte den Blick auf Produkte und Kreislaufwirtschaft. „Produkte legen die Auswirkungen von wirtschaftlichem Handeln auf die Biodiversität fest“, sagte er. Der Lebenszyklus eines Produktes umfasse die Umweltauswirkungen von der Rohstoffgewinnung bis zum Produktlebensende. Genau dort liege auch ein zentraler Hebel: in langlebigen, zirkulären und ressourcenschonenden Produkten.

Auch die Finanzwirtschaft wurde als Beschleuniger sichtbar. Biodiversitätsrisiken betreffen Banken und Investoren über Lieferausfälle, Preisschocks, Standort- und Sektorrisiken sowie die Zukunftsfähigkeit von Geschäftsmodellen. Gleichzeitig zeigte sich: Für tragfähige Finanzierungsentscheidungen braucht es bessere Daten, mehr Transparenz und einen engeren Dialog zwischen Unternehmen und Finanzsektor.

Podiumsdiskussion mit Fishbowl beim Dialogforum 2026 von „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ im Allianz Forum Berlin.

In der Podiumsdiskussion „Zukunft sichern – Biodiversität in Unternehmensstrategien“ diskutierten Vertreterinnen und Vertreter aus Politik, Wissenschaft, Industrie, Unternehmertum und Finanzwirtschaft über konkrete Hebel für Unternehmen. | | © Tom Maelsa

Natur schlägt PowerPoint: Warum Biodviersität neue Geschichten braucht

Einen anderen Zugang eröffnete Dr. Eckart von Hirschhausen. Der Programmpunkt „Natur schlägt PowerPoint“ entwickelte sich nicht zu einem klassischen Quiz, sondern zu einem Impuls über Gesundheit, Naturerfahrung und neue Narrative.

Hirschhausen warb dafür, nicht nur über Verlust, Verzicht und Krisen zu erzählen, wenn es um Biodiversität geht. Um Menschen zu erreichen, müsse man Bilder finden, die berühren: den Baum als Klimaanlage, das Moor als CO₂-Speicher und Panzersperre, den Wald als Wasserspeicher oder den Apfel mit Macke als Zeichen einer lebendigen Natur. Seine Botschaft war, dass Biodiversität Geschichten braucht, die an Alltag, Gesundheit, Sicherheit und Lebensqualität anknüpfen.

Eckart von Hirschhausen spricht beim Dialogforum 2026 von „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ mit Mikrofon vor dem Publikum.

Eckart von Hirschhausen eröffnete mit „Natur schlägt PowerPoint“ einen besonderen Zugang zu Biodiversität, Gesundheit, Naturerfahrung und neuen Narrativen. | © Tom Maelsa

Im Anschluss reflektierten die Teilnehmenden mit ihren Sitznachbarinnen und Sitznachbarn. An Pinnwänden sammelten sie die wichtigsten Punkte aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft. Die Antworten waren vielfältig, zeigten aber eine klare Richtung: „Biodiversität muss zur sozialen Norm werden“, „Produkte als Schlüssel“, „Chancen hervorheben statt Risiken tragen“, „nicht auf perfekte Lösungen warten“ und „Raus aus der Bio-Ecke“.

Pinnwand mit Beiträgen der Teilnehmenden zur Frage „Was nehmen Sie mit aus Wirtschaft?“ beim Dialogforum 2026 von UBi.

In der Reflexionsrunde hielten die Teilnehmenden fest, welche Impulse sie aus Politik, Wissenschaft und Wirtschaft mitnehmen. Auf der Pinnwand zur Wirtschaft standen unter anderem „Produkte als Schlüssel“, „Chancen hervorheben statt Risiken tragen“ und „Raus aus der Bio-Ecke“. | © CSCP

UBi: Orientierung für die Umsetzung

Nach der Mittagspause rückte das UBi-Projekt selbst in den Mittelpunkt. Die Kurzreise durch das Engagement für die Wirtschaft zeigte, wie sich aus einem Dialogansatz ein Netzwerk mit konkreten Instrumenten, Veranstaltungen, Wettbewerben, Checks, Leitfäden und Bündnissen entwickelt hat.

UBi unterstützt Unternehmen, Wirtschafts- und Branchenverbände, Industrie- und Handelskammern sowie weitere Multiplikatoren dabei, Biodiversität besser zu verstehen und praktisch umzusetzen. Zu den Angeboten gehören unter anderem Dialog- und Vernetzungsformate, Biodiversitäts-Checks, Arbeiten zu Standards und Zertifizierung, „Food for Biodiversity” sowie regionale und sektorübergreifende Bündnisse.

Die Entwicklung des Projekts zeigt auch, dass das Thema an Relevanz gewonnen hat. Während bei früheren UBi-Wettbewerben deutlich weniger Bewerbungen eingingen, beteiligten sich 2026 mehr als 60 Unternehmen. Auch das Dialogforum selbst machte sichtbar, wie groß der Bedarf an Orientierung und Austausch ist.

Moderatorin Dr. Tanja Busse steht mit Veronica Veneziano, Louisa Lösing, Eva Baumgärtner, Sven Schulz und Oliver Peters beim UBi-Dialogforum 2026 auf der Bühne.

In der „Kurzreise durch das Engagement der Wirtschaft“ gaben Vertreterinnen und Vertreter der Projektpartner Einblicke in zentrale Arbeitsschwerpunkte von UBi, darunter Dialogformate, Biodiversitäts-Checks, Standards, Biodviersitätsbündnisse und „Food for Biodiversity“. | © Tom Maelsa

Drei Fachforen, eine gemeinsame Frage:  Wie kommt Biodiversität ins Unternehmen?

Am Nachmittag vertieften drei parallele Fachforen zentrale Handlungsfelder.

Im Forum zur glaubwürdigen Kommunikation diskutierten Karin Flohr vom NABU und Timothy Glaz von Werner & Mertz darüber, wie Unternehmen im Spannungsfeld von Biodiversität, Verbraucherschutz und Reputation kommunizieren können. Eine zentrale Botschaft lautete: Erst handeln, dann kommunizieren. Glaz formulierte es wie folgt: „Eine glaubwürdige Unternehmenskommunikation beginnt dort, wo Nachhaltigkeit ein ganzheitliches Element des unternehmerischen Handelns ist. Das unternehmerische Engagement für Biodiversität wird erst dann glaubwürdig, wenn es Teil der Wertschöpfung ist.”

Im Forum zu Standards und Rahmenwerken wurde erörtert, wie freiwillige und formale Instrumente Unternehmen Orientierung geben können. Standards, Leitfäden und Managementsysteme können dabei helfen, Biodiversität anschlussfähig an bestehende Prozesse zu machen, beispielsweise in den Bereichen Umweltmanagement, Beschaffung, Produktentwicklung, Risikomanagement und Berichterstattung.

Das Forum zur Vernetzung und zu den Biodiversitätsbündnissen zeigte, wie wichtig regionale und sektorübergreifende Kooperationen sind. Viele Unternehmen möchten aktiv werden, wissen aber nicht, wo sie anfangen sollen. Bündnisse bauen Brücken zwischen Unternehmen, Kammern, Naturschutz, Wissenschaft, Verwaltung und regionalen Netzwerken.

Teilnehmende applaudieren beim Dialogforum 2026 von „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ im Allianz Forum Berlin.

Das Dialogforum 2026 brachte Vertreterinnen und Vertreter aus Wirtschaft, Politik, Wissenschaft, Finanzwirtschaft und Naturschutz zusammen. In den Fachforen und Austauschformaten ging es um konkrete Wege, Biodiversität in Unternehmen zu verankern. | © Tom Maelsa

Nicht warten, sondern anfangen

Beim Dialogforum 2026 wurde deutlich, dass Biodiversität für Unternehmen dort relevant wird, wo sie konkrete Vorteile sichert bzw. auch umgekehrt dort, wo sich die Folgen des Verlustes an Biodiversität zeigen. Das betrifft Produkte, Lieferketten, Standorte, Finanzierung, Kommunikation und strategische Entscheidungen.

Gleichzeitig wurde an diesem Tag klar, dass es nicht darum geht, sofort perfekte Antworten zu haben. Unternehmen können damit beginnen, Abhängigkeiten zu prüfen, Risiken und Chancen zu erkennen, bestehende Instrumente zu nutzen, Kooperationen aufzubauen und glaubwürdig über Fortschritte zu berichten.

Aus dem Glühwürmchen vom Morgen wurde am Ende ein gemeinsamer Auftrag: genauer hinsehen, anders erzählen und konsequenter handeln. Denn Biodiversität gehört nicht nur in Naturschutzdebatten. Sie gehört in die Unternehmensstrategie.

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