Gründach, Retentionsflächen, Blühwiesen und Biodiversitätsinventur: Das Logistikzentrum in Muggensturm zeigt, wie sich ökologische Qualität in einen Unternehmensstandort integrieren lässt.
Ein Logistikzentrum ist ein Ort der Bewegung. Hier kommen Waren an, werden sortiert, gelagert und weiterverteilt. Effizienz, Sicherheit und Fläche bestimmen den Takt. Auf den ersten Blick scheint wenig dafür zu sprechen, dass gerade hier Biodiversität entsteht.
In Muggensturm zeigt L’Oréal, dass es anders gehen kann. Das Distributionszentrum ist ein logistischer Knotenpunkt für die DACH-Region und zugleich ein Standort, an dem ökologische Aspekte systematisch berücksichtigt werden. Bereits bei der Planung und dem Bau wurden Maßnahmen integriert, die Biodiversität fördern: ein großflächiges Gründach, Retentionsflächen, Heckenpflanzungen, Blühwiesen, strukturreiche Außenflächen und Lebensräume für Tiere. Seit der Inbetriebnahme im Jahr 2019 wird das Gelände kontinuierlich weiterentwickelt, wissenschaftlich begleitet und regelmäßig untersucht.
Besonders ist dabei nicht nur die Größe des Areals, sondern auch der Anspruch, Biodiversität messbar zu machen und dauerhaft weiterzuentwickeln. Das Projekt wurde gemeinsam mit Drees & Sommer umgesetzt und mit dem DGNB-Zertifikat in Gold für biodiversitätsfördernde Außenräume ausgezeichnet. Für L’Oréal ist dieser Standort Teil eines größeren Nachhaltigkeitsverständnisses: Biodiversität soll nicht nur geschützt, sondern auch im Unternehmensalltag greifbar werden.
Für diesen Ansatz wurde die L’Oréal Deutschland GmbH mit ihrem Logistikzentrum in Muggensturm im Rahmen des Projekts „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ als Großunternehmen in der Kategorie „Naturnahes Firmengelände“ mit dem Biodiversitätspreis für die Wirtschaft ausgezeichnet.
Im Interview sprechen wir mit Ina Allmendinger, EHS-Managerin bei L’Oréal Deutschland, über Biodiversität auf Logistikflächen, die Rolle von Zertifizierungen, messbare Veränderungen und darüber, warum ein Schmetterling in der Pause manchmal mehr bewirken kann als eine abstrakte Nachhaltigkeitskennzahl.
Frau Allmendinger, Logistikzentren werden meist mit Effizienz, Fläche und Warenströmen in Verbindung gebracht. Wann wurde in Muggensturm klar, dass die Biodiversität mehr sein soll als nur ein Begleitthema?
Spätestens mit dem Launch unseres konzernweiten Nachhaltigkeitsprogramms „L’Oréal for the Future“ im Jahr 2020 war klar, dass Biodiversität für uns eine zentrale Rolle spielen würde. Als Konzern haben wir uns das Ziel gesetzt, bis 2030 auf allen von L’Oréal betriebenen Flächen weltweit einen positiven Einfluss auf die Biodiversität zu erzielen. In Muggensturm kam uns dabei der Umstand zugute, dass unser Gebäude 2019 fertiggestellt wurde. So konnten wir das Thema Artenschutz von Beginn an mitdenken, statt es nachträglich zu integrieren. Mit rund 170.000 m² Gesamtfläche und einem Grünflächenanteil von knapp 35 % verfügen wir zudem über viel Potenzial zur Förderung der Biodiversität. Gleichzeitig sehen wir uns in der Verantwortung für den Schutz der von uns in Anspruch genommenen Flächen. Daraus ist unsere Ambitionen entstanden, in Muggensturm ein echtes Pionierprojekt für Biodiversität zu schaffen.
L’Oréal hat sich zum Ziel gesetzt, an den eigenen Standorten einen positiven Beitrag zur Biodiversität zu leisten. Was bedeutet dieser Anspruch ganz konkret für einen Standort wie Muggensturm?
Als unser globales Nachhaltigkeitsprogramm gestartet ist, war der „positive Einfluss auf die Biodiversität“ für uns noch nicht greifbar. Im Laufe der Zeit haben wir viel dazugelernt und unseren Anspruch konkretisieren können. Im Kern geht es um die Fragen, welchen ökologischen Wert unsere Flächen für die lokale Flora und Fauna bieten, wie naturnah die Flächen sind oder wie vielen und welchen Arten sie Lebensraum bieten. So wirkt zum Beispiel ein kurz geschnittener englischer Rasen zwar gepflegt, ist aber monoton und bietet nur wenig Raum für ökologische Vielfalt. Eine Magerwiese mit regionalen Blühpflanzen mag dagegen auf den ersten Blick etwas wilder wirken, schafft aber Lebensräume für deutlich mehr heimische Tierarten und kommt einem natürlichen Ökosystem sehr viel näher.
Das Gelände umfasst verschiedene Maßnahmen: vom großflächigen Gründach und Retentionsflächen bis hin zu Blühwiesen, Hecken, einem Teich und Lebensräumen für Tiere. Welche Elemente sind aus Ihrer Sicht besonders wichtig, weil sie ökologische Wirkung und betriebliche Anforderungen miteinander verbinden?
Besonders stolz sind wir auch auf unser ca. 30.000 m² großes Gründach: Dort brüten jährlich mehrere Feldlerchenpaare sowie Bachstelzen und Rotschwänze – nach unserem Kenntnisstand der erste bekannte Fall einer Feldlerchenbrut auf dem Dach eines gewerblichen Gebäudes. Zudem hat es eine isolierende Wirkung und trägt so zu einem ausgeglicheneren Innenklima im Gebäude bei.
Besonders wertvoll ist sicherlich unsere Retentionsmulde hinter der Logistikhalle. Dort sammelt sich das abgeleitete Regenwasser vom Verladehof, sodass die Mulde einen Großteil des Jahres unter Wasser steht und sich eine Feuchtwiese bilden kann. Durch die dort wachsenden Pflanzen tummeln sich viele Insekten und nachts jagen dort regelmäßig Fledermäuse. Gleichzeitig ist die Mulde fester Bestandteil unseres Havariesystems und ermöglicht bei Starkregen die Entwässerung des Geländes – ökologische Wirkung und betriebliche Sicherheit gehen hier also Hand in Hand. Mit künstlichem Nistangebot wie einer Sandlinse, einem Insektenhotel, Totholzhaufen und Fledermauskästen versuchen wir, diesen Bereich noch attraktiver zu machen – ein schönes Beispiel für ein sich selbst tragendes Ökosystem.
In unserem Teich bei der Kantine hat sich darüber hinaus überraschenderweise die stark gefährdete Wechselkröte angesiedelt. Diesen Bereich planen wir neu und noch naturnaher zu gestalten und um einen Rundweg zu ergänzen, sodass die Mitarbeitenden den Bereich künftig noch besser für ihre Pause nutzen können.

Der Teich am Standort Muggensturm verbindet naturnahe Gestaltung mit Aufenthaltsqualität für Mitarbeitende. | © L’Oréal Deutschland GmbH
Bei der Preisverleihung fiel der Begriff „Biodiversitätsinventur“. Was genau wird dabei erfasst und warum ist es wichtig, die Artenvielfalt nicht nur zu fördern, sondern auch systematisch zu beobachten?
Die Biodiversitätsinventur ist für uns eine Art Kartierung, mit der wir in regelmäßigen Abständen überprüfen, wie sich unsere Flächen entwickeln. Sie wird von einer Fachfirma durchgeführt, die über ein Jahr hinweg mit verschiedenen Methoden erfasst, wie viele Tier- und Pflanzenarten auf unseren Flächen vorkommen. So können wir konkret nachvollziehen, ob unsere Maßnahmen tatsächlich Wirkung zeigen, und unsere Ergebnisse in belastbare Zahlen fassen.
Das Projekt wurde wissenschaftlich begleitet und mit dem DGNB-Zertifikat in Gold für biodiversitätsfördernde Außenräume ausgezeichnet. Welche Rolle spielen Standards und Zertifizierungen, wenn Biodiversität in einem Unternehmen verankert werden soll?
Die DGNB-Zertifizierung hat uns sehr dabei geholfen, Biodiversität greifbar und messbar zu machen. Auf den ersten Blick wirkt das Thema oft schwer fassbar, aber mit einem geteilten Standard und einem Wertesystem lassen sich Maßnahmen und Erfolge vergleichbar machen. Ein solches Benchmarking bietet die Chance für branchenübergreifende Verbesserungen und kann so, gesamtwirtschaftlich betrachtet, einen echten positiven Beitrag für die Biodiversität leisten.
Gemeinsam mit Drees & Sommer und weiteren Partnern haben Sie das Projekt umgesetzt. Was braucht es in der Zusammenarbeit, damit Biodiversität nicht am Rand eines Bau- oder Standortprojekts steht, sondern Teil des Gesamtkonzepts wird?
Wichtig ist, dass alle Stakeholder von Beginn an eingebunden werden, um an einem Strang zu ziehen. In unserem Fall bin ich sehr dankbar, dass unsere Geschäftsleitung und die Führungskräfte voll hinter dem Projekt und den damit verbundenen Werten stehen und dadurch die notwendigen Ressourcen bereitgestellt werden können. Ebenso wertvoll ist, dass Prologis als Eigentümer und Vermieter bereits vor dem Bau des Logistikstandorts mit uns das Thema Biodiversität und ökologische Nachhaltigkeit mitgedacht hat und uns nun bei geplanten Umbaumaßnahmen sehr viel Freiraum lässt. Und schließlich trägt es maßgeblich zum Erfolg bei, wenn die Mitarbeitenden in das Projekt einbezogen werden. In manchen Fällen genügt eine reine Information, im besten Fall werden sie aber aktiv beteiligt. Vor der Gestaltung unseres neuen Pausenbereichs im Freien haben wir beispielsweise in gemeinsamen Workshops Ideen und Wünsche zur Gestaltung des Bereichs gesammelt. Damit wollten wir sichergehen, dass sich die Mitarbeitenden mit dem Projekt identifizieren können und das Thema wirklich gelebt wird.
Seit der Inbetriebnahme im Jahr 2019 wurde das Gelände weiterentwickelt. Was haben Sie in dieser Zeit gelernt – auch darüber, was in der Planung gut funktioniert hat und wo nachgesteuert werden musste?
Wir haben in diesem Fall eng mit Fachfirmen und Naturschutzorganisationen wie dem Naturschutzbund (NABU) zusammengearbeitet. Dabei haben wir viel gelernt, etwa worauf es bei der Pflege der Grünflächen ankommt. Diese Zusammenarbeit mit Naturschutzorganisationen und Umweltberatungen ist enorm wertvoll, denn man hat nicht immer ausführende Firmen mit dem nötigen Blick für Biodiversität oder naturnahe Gestaltung zur Hand. Hier liegt es in der eigenen Verantwortung – gegebenenfalls mit fachlicher Unterstützung – die Umsetzung entsprechend zu prüfen und zu begleiten.
In Ihrer Dankesrede haben Sie beschrieben, dass Biodiversität für Mitarbeitende besonders greifbar wird, wenn sie direkt vor der eigenen Haustür sichtbar ist. Wie erleben Sie das am Standort?
Im vergangenen Jahr haben wir einen Teil unserer Außenfläche zu einem naturnahen Pausenbereich umgestaltet, um unseren Mitarbeitenden das Thema Umweltschutz und Natur näherzubringen und gleichzeitig einen Mehrwert für ihr Wohlbefinden zu bieten. Die Inspiration dazu ist bei einem Besuch in unserer spanischen Fabrik entstanden. Wir hatten zuvor zwar bereits Biodiversitätsmaßnahmen umgesetzt, diese lagen aber häufig in Bereichen des Geländes, die Mitarbeitende im Alltag gar nicht zu Gesicht bekamen. So konnten wir den möglichen Nutzen nur teilweise ausschöpfen.
Wenn man Biodiversität dagegen sichtbar und erlebbar macht, verstärkt sich die Wirkung deutlich. Unser Wunsch ist, dass Mitarbeitende in ihrer Pause im Freien ein positives Naturerlebnis erfahren – sei es durch eine duftende Wildrose oder einen vorbeifliegenden Schmetterling. Wir hoffen, dass sich dieses Erlebnis in einer positiven Grundhaltung gegenüber unserer Umwelt festsetzt und weitergetragen wird. Das hilft uns auch dabei, die Bedeutung weiterer Nachhaltigkeitsthemen wie Klimaschutz oder Ressourcenschonung zu vermitteln.

Blühflächen und künstliche Nistangebote schaffen Lebensräume für Insekten und andere Tiere. | © L’Oréal Deutschland GmbH
Die L’Oréal Deutschland GmbH wurde für ihr Logistikzentrum in Muggensturm mit dem Biodiversitätspreis für die Wirtschaft 2026 ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie und das Team vor Ort?
Der Biodiversitätspreis für die Wirtschaft 2026 ist für uns eine wunderbare Anerkennung unserer Arbeit und bestätigt, dass unsere Maßnahmen Wirkung zeigen. Diese Wertschätzung bedeutet uns besonders viel, da es sich um den wichtigsten Preis im Bereich Biodiversität in Deutschland handelt. Er wird von einem Gremium aus Fachpersonen vergeben, die das Thema wirklich fundiert beurteilen können.
Was würden Sie anderen Unternehmen raten, die neue Standorte planen oder bestehende weiterentwickeln möchten und Biodiversität von Anfang an integrieren wollen?
Mein Rat wäre, das Thema, wenn möglich, bereits während der Bauphase einzubinden. Dann lassen sich Maßnahmen leichter umsetzen, meist auch mit geringeren Kosten und Aufwand.
Biodiversität muss außerdem nicht teurer sein – im Gegenteil. Um noch einmal das Beispiel von Rasen und Wiese aufzugreifen: Während ein Rasen für seine gepflegte, grüne Optik regelmäßig gemäht werden muss, genügt einer heimischen Magerwiese eine zweimalige Mahd im Jahr. Auch Baum- und Heckenschnitt oder Laub lassen sich in einer Benjeshecke oder im Kompost direkt vor Ort verwerten, statt sie teuer entsorgen zu müssen. Gleichzeitig kann dort ein wertvolles Habitat und ein Rückzugsort für Tiere entstehen.
Manche Bereiche dürfen bei einer naturnahen Gestaltung sogar bewusst „verwildern“. Wichtig ist dabei nur, Mitarbeitende und Besuchende entsprechend zu informieren. Die Natur braucht meist gar nicht viel. Oft sind die Maßnahmen, die am einfachsten wirken, am wirkungsvollsten.
Wo Fläche geplant wird, entscheidet sich Vielfalt
Biodiversität beginnt bei Unternehmensstandorten nicht erst, wenn das Gebäude steht und die übrigen Flächen gestaltet werden. Gerade bei großen Logistik- und Industrieflächen fallen viele Entscheidungen bereits in der Planungsphase, beispielsweise hinsichtlich Wasser, Dachflächen, Außenräumen, Pflegekonzepten und Zuständigkeiten.
Das Logistikzentrum in Muggensturm zeigt, wie aus diesen Entscheidungen ein Standort entstehen kann, der mehr ist als nur Infrastruktur. Gründächer, Retentionsräume, Blühflächen und strukturreiche Außenbereiche erfüllen ökologische Funktionen und bleiben zugleich Teil eines funktionierenden Betriebs. Entscheidend ist dabei nicht die einzelne Maßnahme, sondern das Zusammenspiel von Planung, Umsetzung, Monitoring und Weiterentwicklung.
Für andere Unternehmen liegt darin ein wichtiger Impuls. Wer Biodiversität von Anfang an berücksichtigt, muss sie später nicht mühsam ergänzen. Sie kann Teil der Standortqualität werden – sichtbar für Mitarbeitende, anschlussfähig für Nachhaltigkeitsziele und wirksam für die biologische Vielfalt.
Unternehmen, die sich mit der Gestaltung ihrer Standorte im Hinblick auf Biodiversität beschäftigen – ob im Bestand oder in der Planung – finden im Projekt „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ praxisnahe Ansätze, Beispiele und weiterführende Informationen. Die UBi-Webseite zu naturnahen Firmengeländen bietet Orientierung für die Umsetzung und zeigt, wie sich Biodiversität systematisch in Unternehmensflächen integrieren lässt.
Interviewpartnerin:
Ina Allmendinger, EHS-Managerin
L’Oréal Germany
Draisstraße 30
76461 Muggensturm
www.loreal.com

Ina Allmendinger mit der Urkunde des Biodiversitätspreises für die Wirtschaft 2026. | © L’Oréal Deutschland GmbH
Titelbild: © L’Oréal Deutschland GmbH