Wenn ein Firmengelände zum Lebensraum wird – Biodiversität bei KNIPEX

Bild des Autors erstellt am 22.10.2026
von CSCP gGmbH

Wer an KNIPEX denkt, denkt vermutlich zuerst an Zangen. An Stahl, Präzision, Fertigung, Werkzeuge, die in Werkstätten, auf Baustellen und in der Industrie weltweit im Einsatz sind. Weniger naheliegend ist der Gedanke an Blumenwiesen, Fledermäuse, Vogelschutzhecken oder Streuobstwiesen.

Und doch gehören genau solche Flächen inzwischen zum Standort des Familienunternehmens in Wuppertal-Cronenberg. KNIPEX fertigt ausschließlich am Gründungsstandort in Wuppertal und steuert durch eine hohe Fertigungstiefe viele Produktionsschritte selbst. Umso spannender ist die Frage, wie sich ein industriell geprägtes Firmengelände so weiterentwickeln lässt, dass neben Produktion, Wegen, Sicherheit und Aufenthaltsqualität auch Biodiversität Raum bekommt.

Seit dem Jahr 2014 sind auf dem Gelände zahlreiche Maßnahmen entstanden: von Wildblumenwiesen und Staudenpflanzungen über Dachbegrünung, Nisthilfen und Totholz bis hin zu Pausengärten und Streuobstwiesen. Im Interview spricht Barbara Meimeth, Nachhaltigkeitsbeauftragte bei KNIPEX, darüber, wie dieser Weg begonnen hat, warum Biodiversität auf dem Firmengelände auch Geduld und Kommunikation braucht und was andere Unternehmen daraus mitnehmen können.

Wildblumenwiese mit rotem Klatschmohn vor einem Betriebsgebäude von KNIPEX in Wuppertal-Cronenberg

Wildblumenwiesen schaffen auf dem industriell geprägten Firmengelände von KNIPEX Raum für biologische Vielfalt. | © KNIPEX

Frau Meimeth, KNIPEX ist vor allem als Werkzeughersteller bekannt. Wie kam es dazu, dass Biodiversität und naturnahe Gestaltung auf dem Firmengelände stärker in den Fokus gerückt sind? Gab es einen konkreten Auslöser oder war es ein schrittweiser Prozess?

Ein großer Respekt vor der Natur und den natürlichen Ressourcen gehört schon immer zum Wertegerüst des Familienunternehmens KNIPEX. 2014 haben wir uns vorgenommen, nachhaltiges Handeln systematisch in allen Geschäfts-Prozessen zu integrieren. In diesem Zusammenhang sind wir auf ein Angebot der Heinz Sielmann Stiftung aufmerksam geworden, Firmengelände hinsichtlich ihres Potenzials zur Steigerung der Biodiversität zu prüfen. Da unser Gelände mit über acht Hektar bereits sehr naturbelassen war, fanden wir diesen Ansatz interessant und haben Kontakt aufgenommen. Die Heinz Sielmann Stiftung hat unser Gelände mit einem Gärtner besucht, den Bestand an Tieren und Pflanzen aufgenommen und auf dieser Grundlage ein Konzept zur Schaffung neuer Lebensräume entwickelt. Damit hatten wir ein konkretes Potenzial identifiziert und sind anschließend sukzessive in die Umsetzung gegangen.

Ein Firmengelände muss vielen Anforderungen gerecht werden: Produktion, Logistik, Sicherheit, Wegeführung und Aufenthaltsqualität sind nur einige davon. Wie gelingt es KNIPEX, all diese Anforderungen mit mehr Raum für Biodiversität zu vereinen?

Ich glaube, es ist sehr wichtig, nicht in „Entweder-Oder“ zu denken, sondern KNIPEX als produzierendes Werk auch als Teil der Umwelt zu verstehen. In dieser Umwelt wollen wir uns so verhalten und aufstellen, dass sie möglichst wenig beeinträchtigt wird. Dazu gehört für uns auch Stabilität durch Vielfalt.

Natürlich ist uns zugleich wichtig, das gut funktionierende System KNIPEX nicht zu beeinträchtigen. Deshalb haben wir mit einer Win-Win-Perspektive auf unser Gelände geschaut. Wir haben zum Beispiel begonnen, große Rasenflächen, die früher nach Kalender und in hoher Frequenz gemäht wurden, wachsen zu lassen und nur noch zweimal im Jahr zu mähen. Dadurch haben sich ohne unser Zutun Wiesenblüher entwickelt und gleichzeitig konnten wir Kosten für das Rasenmähen sparen.

Als nächsten Schritt haben wir einen Imker gesucht, der Bienenvölker auf dem Gelände aufstellt: für mehr Bestäubung, aber auch, und um einen neuen Blickwinkel zu bekommen. Denn Bienen brauchen ganzjährig Nahrung und Energie. Also haben wir geschaut, wo wir Blühpflanzen oder auch bei Bienen beliebte Bäume, wie die Silberlinde, auf unserem Gelände pflanzen beziehungsweise sähen können. Parallel haben wir geprüft, wo wir Flächen zum Beispiel durch Schotterrasen entsiegeln können oder wo Fassadenbegrünung sinnvoll ist. Wir sind dabei sehr behutsam vorgegangen und haben vor allem dort neue Lebensräume geschaffen, wo durch Bau- oder Renovierungsmaßnahmen ohnehin Veränderungen anstanden. So sind zum Beispiel Totoholzhaufen entstanden.

Ein Imker zeigt Kindern und Erwachsenen in Schutzkleidung eine mit Bienen besetzte Wabe an einem Bienenstock.

Die Bienenhaltung bei KNIPEX macht erlebbar, wie wichtig ein ausreichendes Nahrungsangebot für Bestäuber ist. | © KNIPEX

Auf Ihrer Website nennen Sie unter anderem Blumenwiesen, Staudenpflanzungen, Dachbegrünung, Vogelschutzhecken, Nisthilfen, Totholz, einen Ententeich, Pausengärten und Streuobstwiesen. Welche dieser Maßnahmen haben sich aus Ihrer Sicht besonders bewährt und warum?

Die Antwort fällt mir schwer, weil aus meiner Sicht alle Maßnahmen ihre Berechtigung haben. Die Pausen- und Naschgärten zum Beispiel machen das Thema für unsere Mitarbeitenden direkt begreif- und erlebbar: Dort haben wir Beerensträucher und Obstbäume gepflanzt, so dass Mitarbeitende frisches Obst naschen können. Auch die vielen Infotafeln auf dem Gelände tragen dazu bei, Biodiversität sichtbar zu machen – und jede Person kann dadurch zur Multiplikatorin oder zum Multiplikator werden.

Die Gründächer wiederum bieten Nahrung und Rückzugsorte für Insekten und wirken gleichzeitig als Klimaanlage und Wasserpuffer bei Starkregenereignissen. Die Staudenbepflanzungen kommen, einmal angelegt, immer wieder zurück. So ließe sich fast jede Maßnahme beschreiben. Ich glaube, jedes Unternehmen muss für sich selbst schauen, was Nutzen bringt und was zum eigenen Gelände, zur Nutzung und zur Unternehmenskultur passt.

Begrüntes Dach bei KNIPEX mit gelben Polsterpflanzen, rötlichem Sedum und violetten Blüten

Begrünte Dachflächen bieten Insekten Nahrung und Rückzugsorte und können Regenwasser zurückhalten. | © KNIPEX

Mit der im Jahr 2025 eingerichteten Streuobstwiese am Standort Cronenberg ist ein weiterer Lebensraum entstanden, der zugleich als Begegnungsort dienen soll. Was war Ihnen bei der Gestaltung wichtig und welche Wirkung beobachten Sie bereits?

Zunächst einmal wollten wir eine große Vielfalt an heimischen Obstbäumen pflanzen. Die Wiese, die wir hierfür gewählt haben, liegt an einem gut frequentierten Wanderweg – sowohl Mitarbeitende nutzen ihn in ihren Pausen als auch Cronenberger Bürgerinnen und Bürger. Da Sensibilisierung und Information zur Bedeutung biologischer Vielfalt ebenfalls zu unseren Zielen gehören, lag es nahe, eine Infotafel aufzustellen und jeden Baum zusätzlich zu beschriften. Als wir uns vorgestellt haben, wie schön es wäre, an dieser Stelle eine Pause zu machen, kamen noch eine Picknickbank und ein Mülleimer hinzu.

Wir bekommen sowohl zu den Bäumen als auch zu dem Pausenplatz viel positives Feedback. Und wir sehen auch daran, dass der Mülleimer regelmäßigen geleert werden muss, dass der Platz gut genutzt wird.

Holztisch mit Sitzbänken in einem naturnah gestalteten Pausengarten, umgeben von Wiesenblumen und Sträuchern

Mitten im Grünen: Ein Picknick-Tisch schafft Aufenthaltsmöglichkeiten für Mitarbeitende und Spaziergehende in naturnaher Umgebung. | © KNIPEX

Sie arbeiten bereits mit verschiedenen externen Fachleuten aus den Bereichen Naturschutz, Umweltbildung und biologische Fachplanung zusammen. Welche Rolle spielt diese Zusammenarbeit für die Qualität und Weiterentwicklung Ihrer Maßnahmen?

Die Zusammenarbeit spielt eine sehr große Rolle. Bei der naturnahen Gestaltung eines Firmengeländes sind viele verschiedene Aspekte zu berücksichtigen und dafür braucht es verschiedene Perspektiven. Ein Imker kennt die Bedürfnisse und Lieblingspflanzen der Bienen oft besser als die meisten Gartenbaubetriebe. Ein Landwirt arbeitet nach dem phänologischen Kalender. Die Station Natur und Umwelt hat sich intensiv mit Pflanzen auseinandergesetzt, die mit den sich verändernden klimatischen Bedingungen zurechtkommen. Der NABU wiederum beschäftigt sich seit langer Zeit mit den Bedürfnissen heimischer Vögel. Darüber hinaus haben wir Expertinnen und Experten für Obstbäume, Fledermäuse, Schafe und auch Neophyten einbezogen. Viele dieser Expertinnen und Experten kommen aus der Region und kennen die örtlichen Besonderheiten sehr gut. Genau das hilft uns, Maßnahmen passend für unseren Standort zu entwickeln.

Biodiversität auf dem Firmengelände lebt nicht nur von der Anlage neuer Flächen, sondern auch von Pflege, Geduld und Akzeptanz. Wo liegen in der Praxis die größten Herausforderungen?

Ja, unbedingt. Wir haben viel gelernt und natürlich auch Rückschläge erlebt. Anfangs wussten viele Gartenbaubetriebe noch wenig mit unserem Wunsch nach vielfältiger Bepflanzung anzufangen, weil lange Zeit vor allem „pflegeleichte Grün mit einigen bunten Tupfen“ gefragt war. Auch wir haben zu Beginn Pflanzen ausgewählt, die für den jeweiligen Standort nicht optimal geeignet waren. Und es gab Irritationen, als wir unsere Wiesen nicht mehr so häufig gemäht haben.

Eine besondere Herausforderung ist zudem die Grünpflege. Wir arbeiten hier stark mit der Lebenshilfe zusammen. Das funktioniert sehr gut, braucht aber mitunter zusätzliche Einweisungen oder Erläuterungen, weil viele Pflanzen auf unserem Gelände nicht dem klassischen „Unternehmensgelände-Standard“ entsprechen.

Insgesamt sind wir mit den Veränderungen sehr gut gewachsen. Wir versuchen, viel über Kommunikation, Erklärungen und Mitmachaktionen zu erreichen.

Informationstafel mit der Aufschrift „Totholz steckt voller Leben“ neben einem Totholzhaufen auf dem KNIPEX-Gelände

Totholz bietet zahlreichen Arten Lebensraum. Informationstafeln erklären, warum solche Strukturen bewusst erhalten bleiben. | © KNIPEX

KNIPEX bindet Mitarbeitende mit Formaten wie Biodiversitätsspaziergängen, Baumpflanzaktionen, Ferienaktionen oder Nachhaltigkeitstagen ein. Wie reagieren die Mitarbeitenden auf diese Angebote und verändert sich dadurch ihre Sicht auf das eigene Arbeitsumfeld?

Die Angebote werden sehr gut angenommen, und wir bekommen positives Feedback. Eine belastbare Aussage darüber, ob und wie sie die Sicht auf das eigene Arbeitsumfeld verändern, kann ich allerdings nicht treffen, da wir hierzu keine Erhebungen machen. Meine Wahrnehmung ist aber, dass wir schon immer viele Kolleginnen und Kollegen hatten, die naturnah und naturfreundlich unterwegs sind und großes Interesse an unseren Maßnahmen zeigen.

Mehrere Personen stehen mit zwei Schafen auf einer Streuobstwiese mit Obstbäumen auf dem KNIPEX-Gelände

Auf dem KNIPEX-Gelände verbinden Streuobstwiesen naturnahe Flächenpflege mit Möglichkeiten zum Naturerleben. | © KNIPEX

Zum Schluss: Was würden Sie anderen Unternehmen raten, die ihr Firmengelände naturnaher gestalten möchten, aber noch unsicher sind, wo und wie sie sinnvoll starten können?

Ich würde empfehlen, sich fachliche Unterstützung zu suchen und zunächst mit einem überschaubaren Bereich zu beginnen. Bei der Heinz Sielmann Stiftung gibt es mit Frau Dr. Martina Koch und ihrem Team beispielsweise Ansprechpersonen, die Unternehmen genau zu solchen Fragen beraten. Auch Imkerinnen und Imker, lokale Umweltbildungsstationen wie die Station Natur und Umwelt in Wuppertal oder Naturschutzakteure können gute Impulse geben. Nach meiner Erfahrung wächst mit der ersten Umsetzung auch das eigene Interesse. Man liest automatisch mehr, schaut rechts und links, tauscht sich aus und entwickelt Schritt für Schritt ein besseres Gefühl, was zum eigenen Gelände passt. Für uns hat es sehr gut funktioniert, das Thema langsam und kontinuierlich anzugehen.

Was Unternehmen von KNIPEX lernen können

Das Interview mit KNIPEX zeigt, dass Biodiversität auf Firmengeländen nicht mit einer fertigen Lösung beginnen muss. Oft entsteht sie Schritt für Schritt: durch genaues Hinschauen, fachliche Unterstützung, erste Maßnahmen, Rückmeldungen aus dem Unternehmen und den Mut, Flächen anders zu denken als bisher.

Gerade produzierende Unternehmen stehen dabei vor besonderen Anforderungen. Flächen sind knapp, Prozesse müssen funktionieren, Sicherheit und Pflege müssen berücksichtigt werden. Das Beispiel KNIPEX zeigt jedoch auch: Selbst auf industriell geprägten Standorten lassen sich Spielräume finden, wenn Biodiversität als Teil eines lebendigen Unternehmensumfelds verstanden wird.

Unternehmen, die sich durch dieses Interview angesprochen fühlen und selbst prüfen möchten, wo sie in Bezug auf Biodiversität stehen, finden im Rahmen des Projekts „Unternehmen Biologische Vielfalt“ (UBi) Orientierung. Der Signifikanz-Check bietet einen niederschwelligen Einstieg, um den eigenen Einfluss auf und die Auswirkung von Biodiversität auf das Unternehmen besser einzuschätzen. Darüber hinaus ermöglichen Vernetzungsangebote und Biodiversitätsbündnisse den Austausch mit anderen Unternehmen, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen.

Interviewpartnerin:

Barbara Meimeth, Nachhaltigkeitsbeauftragte

KNIPEX-Werk
C. Gustav Putsch KG
Oberkamper Str. 13
42349 Wuppertal

www.knipex.de

Portrait von Barbara Meimeth, Nachhaltigkeitsbeauftragte bei KNIPEX

Barbara Meimeth ist Nachhaltigkeitsbeauftragte bei KNIPEX. | Foto: KNIPEX

 

Titelbild: © KNIPEX

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