Naturnah gestalten heißt Verantwortung übernehmen

Bild des Autors erstellt am 14.04.2026
von Bodensee-Stiftung

Wie der Garten- und Landschaftsbau Biodiversität konkret in die Praxis bringt

Der Klimawandel, die Flächenknappheit und der Verlust biologischer Vielfalt stellen neue Anforderungen an unsere gebaute Umwelt. Eine dabei oft unterschätzte Branche ist der Garten- und Landschaftsbau. Denn Landschaftsgärtnerinnen und Landschaftsgärtner prägen tagtäglich unsere unmittelbare Umgebung – von Firmengeländen über öffentliche Grünflächen bis hin zu privaten Gärten.

Oliver Daxauer, Gründer von „Daxauer – Naturnahe Landschaftsgestaltung“, hat sich früh dafür entschieden, ökologische Qualität und Biodiversität ins Zentrum seiner Arbeit zu stellen. Im Interview spricht er darüber, was „naturnah“ in der Praxis wirklich bedeutet, warum dies im GaLaBau noch nicht selbstverständlich ist und welche Herausforderungen und Chancen damit verbunden sind.

Herr Daxauer, im GaLaBau arbeiten Menschen mit sehr unterschiedlichen Ausbildungen und Spezialisierungen. Für welche Aufgaben engagiert man heute einen GaLaBauer – und welche Verantwortung trägt die Branche für unsere gestaltete Umwelt?

Den GaLaBauer braucht man heute – grob gesagt – für alles, was außerhalb von Gebäuden gebaut wird: Sportplätze, Dach- und Fassadenbegrünung, Pflasterplätze, Terrassen, Mauern, Pergolen, Be- und Entwässerungssysteme, Beleuchtungssysteme, und ach ja, da war dann noch die Pflanze.

Die Überschneidungen zu anderen Gewerken, für die es jeweils eigene Berufsausbildungen  gibt, sind enorm. Hinzu kommen zahlreiche Fachnormen, die man beherrschen muss. Dabei liegt Fokus häufig stark auf der Funktion.

Die offizielle Berufsbezeichnung lautet jedoch „Gärtner/-in  im Garten- und Landschaftsbau“. Für mich erwächst daraus auch die Verantwortung unseres Berufsstands. Wir sind diejenigen, die professionell mit Natur, Boden, Wasser und Pflanzen arbeiten. Alles, was wir planen und bauen, hat langfristige Auswirkungen auf Ökosysteme und das Klima.

Beim Klimaschutz und der Anpassung an den Klimawandel tragen wir eine klare Verantwortung. Durch Begrünung, schattenspendende Bäume und klimaangepasste Pflanzkonzepte können wir Städte kühler und lebenswerter machen.

Ihr Unternehmen heißt „Daxauer – Naturnahe Landschaftsgestaltung“. Was verstehen Sie unter „naturnah“ und worin unterscheidet sich ein naturnahes Projekt ganz konkret von einem konventionellen Gestaltungsprojekt?

Wenn wir als GaLaBauer an einer Grünfläche arbeiten, ist immer der Mensch das gestaltende Element. Insofern ist es streng genommen keine „Natur“. Wir orientieren uns jedoch an natürlichen Prinzipien: Wir verwenden überwiegend heimische Wildpflanzen und schaffen vielfältige Strukturen. Auch die Pflege ist darauf abgestimmt, sodass auf relativ kleinen Flächen langfristig eine große Vielfalt an Pflanzen erhalten bleibt und Lebensräume für Tieren entstehen, ohne die Nutzungsansprüchen der Menschen aus dem Blick zu verlieren.

In konventionellen Projekten werden ökologische Zusammenhänge hingegen häufig ausgeblendet. Begegnungen mit der heimischen Fauna entstehen eher zufällig, Pflanzungen wirken statisch und müssen mit entsprechendem Ressourcenaufwand gepflegt werden.

Blühfläche mit Wildpflanzen entlang eines Firmengebäudes als Beispiel für biodiversitätsfördernde Flächengestaltung

Blühflächen mit heimischen Arten fördern Insektenvielfalt und werten Firmengelände ökologisch auf. | © Daxauer

Achtet der GaLaBau nicht grundsätzlich auf ökologische Gestaltung und Pflege? Wenn nicht: Wo liegen aus Ihrer Sicht die Gründe dafür?

Der GaLaBau sollte darauf achten. Dass dies meist nicht passiert, gibt es sicherlich viele Gründe. Einer der Gründe liegt aus meiner Sicht an einem Ping-Pong-Effekt, der seit Jahrzehnten andauert. Bereits Anfang der 1980er Jahre hat Dieter Wieland in seinem Fernsehbeitrag „Grün kaputt“ im Bayerischen Fernsehen die negativen Auswüchse in den Hausgärten und öffentlichen Grünanlagen angeprangert. Damals waren es die „Krüppelkoniferen“, heute sind es die Schotter“gärten“.

Wenn in großem Stil Kundenansprüche nach Sauberkeit, wenig Arbeit mit Laub und Unkraut an erster Stelle stehen und vom GaLaBau erfüllt werden müssen, tritt eine gute und ökologische Beratung, Planung, Ausführung und Pflege schnell in den Hintergrund. Über die Jahre geht dadurch auch das Können und Wissen verloren und wird auch nicht mehr angeboten.

Als Dienstleister in der Pflege unterliegt der GaLaBau einem großen Kosten- und Effizienzdruck. Dabei geht die Kostenersparnis durch verstärkten Einsatz von Maschinen und Niedriglohnarbeitskräften meist zu Lasten der Fachlichkeit. Kein Wunder, wenn sich seitens der Auftraggeber der Wert von Grünanlagen auf Kosten beschränkt und die übrigen Funktionen einer funktionierenden, ökologischen und ästhetischen Außenanlage ignoriert werden.

Vergleich zwischen naturnah gestalteter Fläche mit Pflanzen und konventionell geschotterter Fläche vor einem Gebäude

Naturnah gestaltete Flächen schaffen Lebensräume – im Gegensatz zu versiegelten oder stark vereinfachten Außenanlagen. | © Daxauer

Sie haben sich als Unternehmer bewusst entschieden, der ökologischen Flächengestaltung mehr Gewicht zu geben. Wie sind Sie diesen Weg gegangen? Welches neue Wissen, welche Kompetenzen waren dabei nötig, und welche positiven wie auch herausfordernden Folgen hatte das für Ihren Betrieb?

Dadurch, dass wir schon immer auch in der Anlage von Ausgleichsflächen tätig waren, war der Übergang nicht zu abrupt. Trotzdem, oder gerade deswegen habe ich die Ausbildung zum Naturgarten-Profi beim Naturgarten e.V. absolviert. Für uns haben wir zwei Ansatzpunkte gesehen: Mitarbeitende schulen und informieren, das Marketing anpassen um aus Interessenten Kunden werden zu lassen. Die ersten Jahre war dieser Prozess herausfordernd.

Zielkonflikte, besonders in der Anfangsphase, treten auf: Umsatz und Aufträge generieren vs. „Öko-Aufträge“ machen zu wollen. Wie weit gehe ich Kompromisse ein, ohne unsere Authentizität und Glaubwürdigkeit aufs Spiel zu setzen? In dieser Phase konsequent der gewählten Linien treu zu bleiben fordert.

Wie haben Ihre Mitarbeitenden auf die Umstellung reagiert?

Solche Umstellungen sind für das gesamte Unternehmen eine Herausforderung und manche Menschen können oder wollen den Weg nicht mitgehen. Gleichzeitig gibt es aber auch die andere Seite: Besonders freut mich, wenn unsere Mitarbeiter begeistert von ihren Naturerlebnissen berichten, die sie von der Baustelle mitbringen. Wenn beispielsweise Eidechsen über die Hand huschen, während man eine Trockenmauer baut – solche Momente sind unbezahlbar. Gerade dann, wenn die Frage nach dem Sinn der eigenen Arbeit aufkommt.

Insgesamt haben sich einige Mitarbeiter deshalb eine andere Stelle gesucht, während andere gezielt wegen des Themas Nachhaltigkeit und Biodiversität zu uns gekommen sind. Gerade junge Menschen schätzen die Vielseitigkeit des naturnahen Gärtnerns. Ich denke, dass ist auch ein Grund dafür, dass wir keine Nachwuchssorgen haben.

Mitarbeiter pflegt eine naturnahe Grünfläche mit Wildpflanzen im urbanen Raum

Fachgerechte Pflege ist entscheidend für die Entwicklung artenreicher Flächen. | © Matthias Ammer Fotografie

Wenn Sie auf die letzten Jahre zurückblicken: Wie hat sich das Thema naturnahe Gestaltung entwickelt? Wo sehen Sie echte Fortschritte und wo stehen wir noch am Anfang?

Für uns hat sich das Thema gut entwickelt, Interessenten kommen gezielt zu uns.

Bei den Kommunen stelle ich fest, dass das Thema Biodiversität breiter in der Fläche ankommt und sie erkennen, dass es einen Zusammenhang gibt zwischen Biodiversität und geringeren Pflegekosten. Viele Kommunen haben bereits die Mitarbeitenden in den Bauhöfen gut geschult und begonnen den Maschinenpark für die Grünpflege an die neuen Gegebenheiten anzupassen.

Wie in vielen Bereichen geht auch hier die Schere auseinander. Einerseits steigt das Wissen, andererseits sind es für die meisten Menschen immer noch kein Thema – und das ist keine Frage des Alters.

Was würden Sie Unternehmen oder Kommunen raten, die heute naturnah gestalten wollen, aber unsicher sind, woran sie gute Planung und Umsetzung erkennen?

Das ist nicht immer ganz einfach. Aber wenn man mit Planern und Fachfirmen ins Gespräch geht, sich Beispielprojekte zeigen und die Herangehensweise schildern lässt, bekommt man schon schnell ein Gefühl von Qualität: Wird einfach nur „irgendwelches Grün“ angeboten oder eine Lösung, die mit der natürlichen Dynamik vor Ort arbeitet und Ökosystemdienstleistungen, d.h. deren Erhalt oder sogar Ausbau, berücksichtigt? Welche Rolle spielen heimische Wildpflanzen bei der Planung, Anlage und Pflege der Flächen? Gibt es eine Vorstellung davon, wie sich die Flächen langfristig entwickeln sollen?

In der Praxis zeigt sich Qualität vor allem bei der Umsetzung. Ein guter Betrieb kann erklären, warum er etwas so baut, wie er es baut, und wie sich die Fläche in den nächsten Jahren entwickeln soll.

Unterm Strich ist das aktuell nicht immer einfach – aber es ist lösbar. Ich kann nur ermutigen, eine ökologische Gestaltung zumindest in Erwägung zu ziehen. Nicht nur für die Natur, sondern auch für uns Menschen: Am Ende profitieren auch die Flächennutzer von biodiversitätsfreundlich gestalteten Flächen.

Interviewpartner:

Portrait von Oliver Daxauer, Landschaftsgärtner und Unternehmer, im Außenbereich mit Pflanzen in der Hand

Oliver Daxauer setzt sich mit seinem Unternehmen für biodiversitätsfördernde Gestaltung im Garten- und Landschaftsbau ein. | © Josefa und Markus – Foto und Film

Oliver Daxauer

Inhaber von Daxauer – Naturnahe Landschaftsgestaltung

Altweg 4
84171 Baierbach
Deutschland
www.daxauer.de

E-Mail: info@daxauer.de

GaLaBau – eine Branche mit großem Hebel

Der Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau (GaLaBau) setzte im Jahr 2024 rund 10,65 Milliarden Euro um und beschäftigte etwa 131.000 Menschen. Damit zählt die Branche zwar zu den kleineren Wirtschaftszweigen in Deutschland, ihre Wirkung reicht jedoch weit über wirtschaftliche Kennzahlen hinaus (Quellenangabe: Branchenstatistik des Bundesverbands Garten-, Landschafts- und Sportplatzbau).

Landschaftsgärtnerinnen und Landschaftsgärtner gestalten und pflegen Parks, Firmengelände, öffentliche Grünflächen und private Gärten. Angesichts von Klimawandel, Biodiversitätsverlust und dem steigenden Nutzungsdruck auf Flächen kommt dem GaLaBau eine zentrale Rolle zu: Er entscheidet mit darüber, ob gestaltete Flächen zu artenarmen Funktionsräumen oder zu lebendigen Lebensräumen werden.

Schmetterling sitzt auf der Hand eines Mitarbeiters während Arbeiten an einer naturnahen Fläche

Naturnahe Gestaltung macht Artenvielfalt im Alltag sichtbar und erlebbar. | © Daxauer

Naturnahe Firmengelände bei UBi

Die naturnahe Gestaltung von Firmengeländen ist ein wirkungsvoller Hebel, um die Biodiversität im unmittelbaren Unternehmensumfeld zu fördern. Gleichzeitig stellt sie für Unternehmen einen niederschwelligen Einstieg dar, biologische Vielfalt systematisch zu berücksichtigen – mit positiven Effekten für Natur, Mitarbeitende und Umfeld.

Im Rahmen des Projekts „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi” unterstützen wir Unternehmen unter anderem durch:

 

  • praxisnahe Beispiele aus Wirtschaft, Planung und Umsetzung,
  • fachliche Orientierung zur naturnahen Gestaltung und Pflege von Firmengeländen sowie
  • Hinweise auf Instrumente, Publikationen und bestehende Förderansätze.

Unser Ziel ist es, Unternehmen dabei zu unterstützen, von einzelnen Maßnahmen zu einem strategischen Umgang mit Biodiversität zu gelangen und eine naturnahe Gestaltung als selbstverständlichen Bestandteil von Unternehmensflächen zu etablieren.

Weitere Informationen finden Sie auf diesen Seiten:

 

 

Titelbild: © Daxauer

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