Wenn ein Museum zum Lebensraum wird

Bild des Autors erstellt am 17.05.2026
von CSCP gGmbH

Wie das Museum Folkwang Biodiversität im eigenen Betrieb und im städtischen Umfeld mitdenkt

Inmitten von Kunstwerken, Ausstellungsräumen und Besucherströmen denkt man selten an Lebensräume für Pflanzen und Tiere. Museen gelten als Orte der Bewahrung von Kultur, Geschichte und Ästhetik. Doch was passiert, wenn sie beginnen, auch ökologische Verantwortung in ihren Betrieb zu integrieren?

Das Museum Folkwang in Essen hat sich auf den Weg gemacht, ein „Grünes Museum“ zu werden. Der Ansatz begann mit Klimabilanzen und Fragen des nachhaltigen Betriebs und reicht inzwischen bis zu insektenfreundlichen Pflanzungen, Dachbegrünung, Vogelschutzmaßnahmen und Kooperationen im städtischen Umfeld. Projekte wie das Klima-Ticket und die Zusammenarbeit mit der Bonnekamp Stiftung zeigen, wie ökologische Verantwortung über die eigenen Museumsflächen hinauswirken kann.

Im Interview spricht Anka Grosser, Leiterin Kommunikation & Marketing am Museum Folkwang, darüber, welche Rolle Biodiversität im Museumsbetrieb spielt, wo praktische Herausforderungen liegen und welche Impulse sich daraus auch für Unternehmen ableiten lassen.

Das Museum Folkwang versteht sich als „Grünes Museum“. Wie ist dieser Ansatz entstanden? Gab es einen konkreten Auslöser oder war es ein schrittweiser Prozess?

Grundlage ist der von unserem Museumsgründer Karl Ernst Osthaus geprägte Folkwang-Gedanke, der den Dialog der Künste und Kulturen, das Museum als Ort des Austauschs sowie die Einheit von Kunst und Leben umfasst. Damit steht immer der Mensch im Zentrum. Heute schreiben wir die Folkwang-Idee weiter fort – und dazu gehört auch das Bewusstsein für Nachhaltigkeit sowie das Ziel, Klimaneutralität zu erreichen.

Unsere Nachhaltigkeitsbestrebungen verlaufen in Schritten. Der erste sichtbare „Kick-Off“ fand 2019 statt: Damals nahm das Museum Folkwang an dem Pilotprojekt „Klimabilanzen in Kulturinstitutionen“ der Kulturstiftung des Bundes teil. Das detaillierte Wissen um die einzelnen Faktoren der in der Klimabilanz dokumentierten CO₂-Emissionen bestimmt seither das Nachhaltigkeits-Management des Museums.

Viele Nachhaltigkeitsansätze beginnen bei Energie oder Ressourcen. Welche Rolle spielt Biodiversität in Ihrem Ansatz und warum lohnt es sich, dieses Thema stärker mitzudenken?

Nachhaltiges Denken umfasst für uns neben der Analyse des rein ökologischen Fußabdrucks, also des Ergebnisses der Klimabilanz, auch das Engagement und verantwortliche Handeln sowie die damit verbundenen Vorteile und Ansätze für die Zukunftsfähigkeit der einzelnen Institution. Das Museum Folkwang hat bereits 2022 eine Photovoltaikanlage installiert; die Umstellung auf ökostrombetriebene Wärmepumpen ist beschlossen und im Prozess. Es gilt aber, weitere Stellschrauben zu erkennen. Daher lohnt es sich für uns als Kulturinstitution, neben der Implementierung von Technologien zur klimaneutralen Energieversorgung viele zusätzliche Bereiche gleichzeitig im Blick zu haben. Dazu gehören beispielweise Recycling und Materialkreisläufe, Kompostier- oder Regenwasseranlagen, die Wahl emissionsarmer Transporte oder ökologischer Druckverfahren sowie die Unterstützung von Naturnähe und Biodiversität. Dabei spielt die Förderung von Biodiversität für uns sowohl auf dem eigenen Gelände als auch außerhalb des Museums eine mittlerweile unübersehbare Rolle.

Wie zeigt sich Ihr Ansatz ganz konkret im Museumsbetrieb, etwa im Umgang mit Flächen, Gebäuden oder Kooperationen?

Das Museum Folkwang befindet sich mitten in der Stadt Essen, dennoch haben wir recht große Grünbereiche rund um die Museumsgebäude. Eines unserer Ziele ist es, Biodiversität und wohnortnahes Naturerleben im urbanen Raum zu fördern. In Zusammenarbeit mit dem städtischen Partner Grün und Gruga konnten wir eine insektenfreundliche Staudenbepflanzung auf den Grünflächen anlegen. Die Begrünung der Dachflächen und die Anbringung von Insektenkästen folgten kurze Zeit später. Und schließlich haben wir vom NABU geprüfte Vogelschutzmaßnahmen am Gebäude installiert, so dass wir insgesamt auf unserem Gelände viel erreichen konnten. In Kürze werden wir in Zusammenarbeit mit der Initiative „Giesskannenhelden“ Regenwasser für die Wasserversorgung der von Trockenheit bedrohten Bäume auffangen. Bäume spenden Schatten, verbessern das Klima und binden CO₂. Bei all diesen Maßnahmen spielen Kooperationen immer eine große Rolle, insbesondere im Engagement für Nachhaltigkeit und Klimafolgenanpassung.

Blühende Wiese mit Stauden und Wildpflanzen am Museum Folkwang in Essen

Insektenfreundliche Pflanzungen schaffen Lebensräume im urbanen Raum. | Foto: Museum Folkwang, 2026

Sie arbeiten unter anderem mit externen Partnern wie der Bonnekamp Stiftung zusammen. Welche Rolle spielen solche Kooperationen und wie tragen sie zur Förderung von Biodiversität bei?

2023 haben wir gemeinsam mit der macromedia Hochschule Köln unsere Besucherinnen und Besucher sehr detailliert zu ihrer Anreise befragt und den CO₂-Fußabdruck statistisch ermittelt. Dieser liegt nach An- und Abreise durchschnittlich bei 148,2 Kilometern, das bedeutet 15,5 Kilogramm CO₂-Ausstoß pro Besuch. Um eine Form des Engagements zu kreieren und eine kleine Hilfe zum Handabdruck anzubieten, haben wir ein „Klima-Ticket“ geschaffen, welches für einen Euro optional zum Ausstellungsticket dazugebucht werden kann. Der Eintritt in unsere Sammlung ist ja sowieso immer kostenfrei; daher hatten wir uns gedacht, dass ein Klimaticket auf freiwilliger Basis Erfolg haben könnte. Und die zurückliegenden beiden Jahre haben unsere Erwartungen übertroffen! Die Erlöse wollten wir statt in Emissionshandelszertifikate in ein regionales Projekt investieren. So sind wir auf die Bonnekamp Stiftung gestoßen, die brachliegende Flächen renaturiert, Anbau nach permakulturellen Methoden verfolgt und Inklusionsarbeit leistet.

Das Team des Museum Folkwang veranstaltet dort jeweils im Sommerhalbjahr Workshops zu Kunst und Nachhaltigkeit. Dieser Part unseres umfassenden Nachhaltigkeitsansatzes ist bereits zum integralen Bestandteil des Veranstaltungsprogramms des Museum Folkwang geworden. Und damit leben wir die Folkwang-Idee auch hier: ein aktuelles Beispiel für die Verbindung von Kunst und Leben. Mit ihrer Spende unterstützen unsere Besucherinnen und Besucher das Projekt der Bonnekamp Stiftung und leisten einen positiven Beitrag für unsere Umwelt.

Blühender Garten mit Pflanzen und Gewächshaus auf dem Gelände der Bonnekamp Stiftung

Blühende Gartenflächen auf der Bonnekamphöhe: Hier unterstützt das KlimaTicket des Museum Folkwang ein regionales Projekt für Permakultur und ökologische Bildung. | © Bonnekamp Stiftung

Inwiefern wirkt Ihr Ansatz über das Museum hinaus? Können Kulturinstitutionen aus Ihrer Sicht Impulse für Biodiversität im städtischen Raum setzen?

Klimaverantwortliches Handeln gehört zu unserem Alltag. Nur so können die Klimaziele erreicht werden, denn alle müssen ihren Teil dazu beitragen. Für uns sind Kooperationen wichtige Impulsgeber, denn Wissen vernetzt. Sicher können kulturelle Institutionen, die Nachhaltigkeit leben und die öffentliche Wahrnehmung auf Ressourceneffizienz und Biodiversität lenken können, einen gewissen Vorbildcharakter entwickeln – insbesondere in Zeiten, in denen der Alltag häufig von anderen Themen bestimmt wird. Wenn wir Anreize zur Reflektion bieten, haben wir bereits ein Ziel erreicht.

Wo liegen in der Praxis die größten Herausforderungen und was können andere Organisationen oder Unternehmen aus Ihren Erfahrungen mitnehmen?

Um ein grünes Museum zu werden, bedarf es Investitionen in technische Innovationen, aber auch Kontinuität im Handeln und Verantwortungsbewusstsein im Museumsbetrieb. Wenn wir unsere Zukunftsfähigkeit erhalten wollen, müssen wir den per se energieaufwändigen Erhalt unserer Sammlungen – unseres kulturellen Gedächtnisses also – mit einem hoffentlich besucherintensiven Museumsbetrieb möglichst nachhaltig managen. Die Anreise der Besuchenden macht in der Regel den größten Anteil an den Emissionen aus. Damit stellt uns die Mobilität vor Herausforderungen und fragt nach neuen Konzepten: Wir möchten ja nicht weniger, sondern mehr Besucherinnen und Besucher im Museum begrüßen.

Der Klimawandel fordert uns alle heraus. Als Kunstmuseum kann man sich dem nicht entziehen, im Gegenteil: Wir stehen in ständigem Austausch mit der Gesellschaft. Kontinuität und Engagement sind hier vielleicht die Stichworte. Mein Eindruck ist: Unsere Bemühungen, den Weg zum „Grünen Museum“ konsequent weiter zu gehen, werden wahrgenommen. In Zeiten multipler Krisen ist das nicht immer ganz einfach.

Artenreiche Bepflanzung mit blühenden Pflanzen am Gebäude des Museum Folkwang

Blühende Staudenflächen am Museum Folkwang schaffen Lebensräume für Insekten und werten das direkte Museumsumfeld ökologisch auf. | Foto: Museum Folkwang, 2026

Vom Museum zur Unternehmenspraxis

Das Beispiel des Museum Folkwang zeigt: Biodiversität ist nicht nur eine Frage klassischer Unternehmensflächen. Auch Kulturinstitutionen verfügen über Gebäude, Außenräume, Beschaffung, Mobilität und Kooperationen und haben somit verschiedene Ansatzpunkte, um ökologische Verantwortung praktisch umzusetzen.

Dabei wird deutlich, dass Biodiversität selten als isoliertes Thema beginnt. Am Museum Folkwang ist sie Teil eines umfassenderen Ansatzes für einen nachhaltigeren Betrieb: von Klimabilanzen und erneuerbaren Energien bis hin zu insektenfreundlichen Pflanzungen, Vogelschutzmaßnahmen und regionalen Partnerschaften. Gerade diese Verbindung macht den Ansatz auch für Unternehmen interessant.

Denn viele Organisationen stehen vor ähnlichen Fragen: Welche Flächen können wir anders gestalten? Mit wem können wir kooperieren? Wie lassen sich Klimaschutz, Biodiversität und Betrieb zusammendenken? Biodiversität beginnt oft im eigenen Umfeld und entfaltet dort Wirkung, wo Organisationen bereit sind, über ihre eigenen Grenzen hinauszudenken.

Unternehmen, die sich durch dieses Interview angesprochen fühlen und selbst prüfen möchten, wo sie in Bezug auf Biodiversität stehen, finden im Rahmen des Projekts „Unternehmen Biologische Vielfalt“ (UBi) erste Orientierung. Der Signifikanz-Check bietet einen niederschwelligen Einstieg, um den eigenen Einfluss auf und die Auswirkung von Biodiversität auf das Unternehmen besser einzuschätzen. Darüber hinaus ermöglichen Vernetzungsangebote und Biodiversitätsbündnisse den Austausch mit anderen Unternehmen, die sich mit ähnlichen Fragen beschäftigen.

Interviewpartnerin:

Portrait von Anka Grosser, Leiterin Kommunikation und Marketing am Museum Folkwang

Anka Grosser | Foto: Tanja Lamers

Anka Grosser

Leiterin Kommunikation & Marketing, Museum Folkwang

Museum Folkwang
Museumsplatz 1
45128 Essen
museum-folkwang.de

E-Mail: anka.grosser@museum-folkwang.essen.de

 

 

Titelbild: Museum Folkwang, 2026

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