Aus einer persönlichen Idee ist ein langfristig angelegtes Biodiversitätsprojekt entstanden: Auf dem Gelände der SPIR STAR AG entstehen unter fachlicher Begleitung und konsequenter Pflege neue Lebensräume, die vom Engagement im Unternehmen getragen werden.
Manchmal beginnt Veränderung nicht mit einer Strategie, sondern mit einem Moment, der hängen bleibt. Bei der SPIR STAR AG war es eine Fernsehdokumentation über das Artensterben, die den Anstoß gab. Aus diesem ersten Impuls entstand ein Projekt, das heute große Teile des Firmengeländes prägt.
Das Unternehmen aus Rimbach-Mitlechtern im Odenwald entwickelt sein rund 55.000 Quadratmeter großes Areal seit 2020 Schritt für Schritt zu einem naturnahen Firmengelände weiter. Nahezu 37.000 Quadratmeter werden inzwischen naturnah gestaltet oder bewusst naturnah erhalten: mit Streuobstwiesen, Staudenbeeten, Magerwiesen, neuen Strukturen und Flächen, die nicht nur funktional gedacht sind, sondern auch Lebensraum bieten. Gepflegt wird das Gelände nicht nur mit Maschinen, sondern auch mit Schafen. Das Projekt wird unter anderem von der Heinz Sielmann Stiftung sowie weiteren Fachleuten und lokalen Naturschutzakteuren begleitet.
Für dieses Engagement wurde die SPIR STAR AG im Jahr 2026 im Rahmen des Projekts „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ mit dem Biodiversitätspreis für die Wirtschaft in der Kategorie „Naturnahes Firmengelände“ als kleines oder mittleres Unternehmen ausgezeichnet. Im Interview sprechen wir mit dem CEO Ruben de Graaf und der Umweltmanagementbeauftragten Sabine Steinmann darüber, wie aus einer Idee ein langfristiges Projekt wurde, was sich auf dem Gelände verändert hat und warum Biodiversität für ein Industrieunternehmen mehr sein kann als eine ökologische Zusatzaufgabe.

Die SPIR STAR AG wurde 2026 als KMU in der Kategorie „Naturnahes Firmengelände“ mit dem Biodiversitätspreis für die Wirtschaft ausgezeichnet. | © Tom Maelsa
Herr de Graaf, bei der Preisverleihung wurde erzählt, dass der Impuls für Ihr naturnahes Firmengelände durch eine Fernsehdokumentation über das Artensterben entstanden ist. Erinnern Sie sich noch an diesen Moment und daran, was er bei Ihnen ausgelöst hat?
Tatsächlich war der Gedanke, mehr für die Umwelt zu tun, schon länger da. Die Fernsehsendung „TERRA X“ von ZDF mit Prof. Dr. Berthold hat diesen Gedanken schließlich manifestiert, sie war die Initialzündung. Am selben Abend noch habe ich eine E-Mail an die Heinz Sielmann Stiftung geschrieben, die in diesem Beitrag genannt wurde.
SPIR STAR ist ein Industrieunternehmen. Was hat Sie dazu bewogen, nicht nur über Biodiversität zu sprechen, sondern das eigene Firmengelände zum Ausgangspunkt zu machen?
Auf unserem Firmengelände habe ich die Gestaltungsmöglichkeiten und die Befugnis, wirklich etwas zu verändern. Man kann viel über Umwelt- und Artenschutz reden, irgendwann muss man auch einfach ins Handeln kommen. Deshalb haben wir Expertinnen dazu geholt, die uns gezeigt haben, was sinnvoll und wirksam ist sowie die hohe Wichtigkeit der Biodiversität. Uns wurde somit auch bewusst, wie viel Potenzial unser Firmengelände bietet. Es wurde so zum Ausgangspunkt für unser Engagement, nahbar und erlebbar.
Frau Steinmann, von den 55.000 Quadratmetern des Firmengeländes werden inzwischen rund 37.000 Quadratmeter naturnah entwickelt. Welche Veränderungen sind auf dieser Fläche besonders sichtbar geworden?
Einen Teil der rund 37.000 qm haben wir bewusst der Natur überlassen. Außerdem haben wir die herkömmlichen Strukturen des Garten- und Landschaftsbaus an den Gebäuden entfernt, darunter mehrere Kirschlorbeersträucher und Folien. Sichtbar sind besonders die verschiedenen kleinen Biotope, die wir angelegt haben. Hier zählen u. a. Totholz, verschiedene Offenbodenstrukturen, Sandarien dazu. Durch diese Maßnahmen sind weitere Habitate für Tiere entstanden. Außerdem beobachten wir hitzeresiliente Pflanzen, die trotz Trockenheit und Hitze jedes Jahr erneut blühen.
Streuobstwiesen, Staudenbeete, Magerwiesen und Schafe als „Rasenmäher“ – das klingt eher nach Landschaftspflege als nach einem typischen Firmengelände. Was bedeutet das ganz praktisch für den Betriebsalltag?
Auf unsere Produktion und die betrieblichen Abläufe hat die naturnahe Gestaltung keinen negativen Einfluss – unsere Produktion läuft ganz normal weiter. Spürbar verändert hat sich jedoch die Atmosphäre auf dem Gelände.
Viele Mitarbeitende gehen in ihrer Pause gerne auf dem Gelände spazieren und genießen die Auszeit im Grünen. Gleichzeitig wird die Natur bewusster wahrgenommen: Pflanzen, Insekten, Vögel und andere Tiere fallen heute viel stärker auf als früher.
Ganz praktisch bedeutet ein naturnahes Gelände aber auch, dass es anders gepflegt werden muss als ein klassisches Firmengelände. Seit über einem Jahr haben wir deshalb einen Kollegen, der sich um unser Außengelände inklusive der Tiere kümmert. Seine Position lautet: Hausmeister der Nachhaltigkeit.

Auf dem Firmengelände der SPIR STAR AG unterstützen Schafe die Pflege der naturnahen Wiesenflächen. | © SPIR STAR
Frau Steinmann, SPIR STAR arbeitet mit der Heinz Sielmann Stiftung und weiteren Expert:innen zusammen. Warum war Ihnen fachliche Begleitung wichtig und wie hat sie das Projekt verändert?
Von Beginn an war es uns wichtig, das Projekt fachlich korrekt umzusetzen. Wir sind ein produzierendes Unternehmen und keine Biologen, Botaniker oder Landschaftsgärtner. Um in die für uns neue Thematik der Biodiversität einzutauchen, war es für uns entscheidend, mit Expertinnen und Experten zusammenzuarbeiten.
Durch diese Zusammenarbeit und den Austausch mit weiteren Naturschutzverbänden vor Ort haben wir bereits viel gelernt – und lernen auch weiterhin. Wir wissen nun, welche Maßnahmen ökologisch sinnvoll sind, welche Pflanzen und Strukturen zu unserem Firmengelände passen, und haben ein Pflegekonzept erhalten.
Das hat das Projekt deutlich professionalisiert. Aus einer guten Idee wurde ein fachlich begleitetes Biodiversitätsprojekt, das nicht nur schön aussieht, sondern tatsächlich Lebensräume schafft.
Biodiversität braucht Zeit, bis sie sichtbar wird. Woran merken Sie heute, dass sich das Gelände tatsächlich verändert hat – bei Arten und Pflanzen, aber auch bei Mitarbeitenden oder in der Wahrnehmung von außen?
Man merkt es an vielen kleinen und großen Veränderungen. Manche Effekte waren tatsächlich schneller sichtbar, als wir erwartet hatten: Es wachsen andere Pflanzen, es sind mehr Insekten und Vögel zu sehen und das Gelände wirkt insgesamt viel lebendiger.
Gleichzeitig hat sich auch die Wahrnehmung verändert. Unsere Mitarbeitenden wurden von Anfang an mitgenommen und schauen heute viel bewusster auf das Gelände. Viele nutzen es in den Pausen als Auszeit im Grünen.
Und auch von außen kommt viel Resonanz, bspw. durch Medienberichte, Auszeichnungen und Prämierungen. Das bestärkt uns darin, dass aus einer Idee ein Projekt geworden ist, das ökologisch, intern und extern Wirkung zeigt.
Bei der Preisverleihung wurde auch deutlich, dass es intern nicht von Anfang an nur Zustimmung gab. Wie sind Sie mit Skepsis oder Gegenwind umgegangen?
Wir haben versucht, sehr viel über Kommunikation und Dialog aufzufangen. Am Anfang gab es durchaus Skepsis und auch Unverständnis, obwohl unsere Absicht ja war, etwas Gutes zu tun. Aber ein naturnahes Gelände sieht eben anders aus als ein klassisch gepflegtes Firmengelände und das muss man erklären.
Deshalb haben wir die Mitarbeitenden von Anfang an mitgenommen: durch Gespräche, Aktionen auf dem Gelände und Frage- und Antwortformate mit Expertinnen und Experten. Das hat geholfen, Bedenken abzubauen.
Heute ist deutlich mehr Verständnis da. Nicht alle waren von Anfang an begeistert, aber viele akzeptieren unser Tun inzwischen oder sehen sogar den Mehrwert.
Herr de Graaf, die SPIR STAR AG wurde mit dem Biodiversitätspreis für die Wirtschaft 2026 ausgezeichnet. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie und die Mitarbeitenden, die das Projekt mittragen?
Der Preis bedeutet uns sehr viel, weil er unser Engagement sichtbar macht und wertschätzt. Nach einiger Zeit haben wir selbst gemerkt, dass hier etwas Besonderes entstanden ist – für die Natur, für unser Unternehmen und auch für die Mitarbeitenden, die das Projekt mittragen.
Gleichzeitig hilft uns die Auszeichnung, Aufmerksamkeit für das Thema Biodiversität in der Wirtschaft zu schaffen. Wir möchten andere Unternehmen motivieren, ebenfalls anzufangen. Wenn der Preis dazu beiträgt, dass Menschen auf uns zukommen, sich mit dem Thema beschäftigen oder es uns gleichtun möchten, dann ist das für uns ein großer Erfolg.
Was würden Sie anderen Unternehmen raten, die ihre eigenen Flächen gern biodiversitätsfreundlicher gestalten möchten, aber noch nicht wissen, wie sie anfangen sollen?
Ich würde anderen Unternehmen raten: Einfach anfangen, aber sich fachliche Unterstützung holen. Der Einstieg in Biodiversität muss nicht kompliziert oder teuer sein, aber es braucht jemanden, der einschätzen kann, welche Maßnahmen wirklich sinnvoll sind.
Hilfreich sind zum Beispiel Leitfäden wie ‚In 10 Schritten zum naturnahen Firmengelände‘ der Heinz Sielmann Stiftung. Dann kann man prüfen: Welche Flächen haben wir? Was ist realistisch möglich? Gibt es Fördermöglichkeiten? Und wer kann uns fachlich begleiten?
Viele positive Effekte zeigen sich erst im Laufe der Zeit: neue Lebensräume, gemeinsame Aktionen mit Mitarbeitenden, mehr Aufmerksamkeit für das Thema und auch mediale Resonanz. Das war uns am Anfang gar nicht in dieser Form bewusst. Deshalb: niedrigschwellig starten, lernen und Schritt für Schritt weitergehen.

Blühflächen, Totholz und weitere Strukturen schaffen auf dem Gelände der SPIR STAR AG neue Lebensräume für Tiere und Pflanzen. | © SPIR STAR
Was entsteht, wenn ein Firmengelände mehr sein darf als Fläche
Das Firmengelände von SPIR STAR zeigt, dass Biodiversität nicht nur dort entsteht, wo Natur ohnehin im Mittelpunkt steht. Auch industriell genutzte Areale können zu Orten werden, an denen sich ökologische Vielfalt entwickelt, wenn sie anders betrachtet, fachlich begleitet und langfristig gepflegt werden.
Bemerkenswert ist dabei nicht nur die Größe des Geländes, sondern auch seine Entstehungsgeschichte. Aus einem persönlichen Impuls wurde ein unternehmerisches Projekt. Aus ungenutzten oder funktional genutzten Flächen wurden Lebensräume. Und aus anfänglicher Skepsis entstand ein Vorhaben, das Mitarbeitende einbindet, Aufmerksamkeit schafft und zeigt, wie sich Biodiversität im Unternehmensalltag verwirklichen lässt.
Für andere Unternehmen liegt darin eine wichtige Erkenntnis: Der Einstieg muss nicht perfekt sein. Oft beginnt er mit einer Frage, einer Fläche, einer Idee – und dem Mut, Dinge anders wachsen zu lassen.
Unternehmen, die ihre eigenen Flächen biodiversitätsfreundlicher gestalten möchten, finden im Projekt „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ konkrete Beispiele, praxisnahe Ansätze und weiterführende Informationen zur Gestaltung naturnaher Firmengelände.
Interviewte:
Ruben DeGraaf
CEO
Sabine Steinmann
Umweltmanagementbeauftragte
SPIR STAR AG
Auf der Rut 7
64668 Rimbach-Mitlechtern
https://www.spirstar.de/
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