Mit dem Projekt „Summspannwerke“ verwandelt Netze BW Flächen der Energieinfrastruktur in artenreiche Lebensräume für Wildbienen und andere Bestäuber. Dafür wurde das Unternehmen mit dem Publikumspreis des Biodiversitätspreises für die Wirtschaft 2026 ausgezeichnet.
Zwischen Stromleitungen, Transformatoren und umzäunten Flächen erwartet man vieles, aber keine blühenden Wiesen, Wildbienen oder das Summen von Insekten. Umspannwerke sind Orte der Versorgungssicherheit. Sie sind funktional, geregelt und meist unauffällig am Rand unserer Städte und Landschaften gelegen. Und doch entstehen genau hier, wo Energieinfrastruktur auf Natur trifft, neue Lebensräume.
Mit dem Projekt „Summspannwerke” zeigt die Netze BW GmbH, wie sich technische Anlagen ökologisch aufwerten lassen, ohne dass ihre eigentliche Funktion beeinträchtigt wird. Seit 2019 entwickelt das Unternehmen Flächen an Umspannwerken zu artenreichen Lebensräumen für Wildbienen und andere Bestäuber. Reserveflächen, die für den Betrieb und mögliche Umbauten vorgehalten werden, werden mit regional angepasstem Saatgut eingesät, anders gepflegt und fachlich begleitet.
Das Projekt lebt nicht vom schnellen Effekt, sondern vom Prozess: geeignete Flächen auswählen, Pflege umstellen, Dienstleister schulen, Mitarbeitende einbinden und langfristig dranbleiben. So wird aus dem Umspannwerk ein „Summspannwerk“ – ein Standort, der weiterhin kritische Infrastruktur bleibt und zugleich ökologische Wirkung entfalten kann.
Dieses Engagement hat auch die Öffentlichkeit überzeugt. Beim Biodiversitätspreis für die Wirtschaft 2026 wurde Netze BW mit dem Publikumspreis ausgezeichnet. Mehr als 1.000 Menschen beteiligten sich an der Abstimmung und machten deutlich, wie anschlussfähig Biodiversität wird, wenn sie konkret, sichtbar und nachvollziehbar umgesetzt wird.
Im Interview sprechen wir mit Friederike Müller, Kim Kaczmarek und Corinna Toeche-Mittler von Netze BW darüber, wie die Idee entstanden ist, was an den Standorten konkret passiert, warum Pflege und Prozesse entscheidend sind und welche Bedeutung der Publikumspreis für das Projekt hat.
Mit den „Summspannwerken“ verbinden Sie technische Infrastruktur mit Biodiversität. Wie ist die Idee entstanden, ausgerechnet Umspannwerke als Lebensräume für Bestäuber in den Blick zu nehmen?
Friederike Müller: 2019 ist die Idee zu den Summspannwerken aus einer einfachen, aber wirkungsvollen Überlegung entstanden. Wir wollten aktiv etwas für die Biodiversität leisten, nicht abstrakt, sondern ganz konkret vor Ort. Daher lag es nahe, die vorhandenen Reserveflächen in Umspannwerken in den Blick zu nehmen. Diese bieten besondere Voraussetzungen, da sie langfristig gesichert sind und sich zu ruhigen Lebensräumen entwickeln können.
Insekten übernehmen unverzichtbare Aufgaben in unseren Ökosystemen. Gleichzeitig haben wir die Möglichkeit, durch eine gezielte Gestaltung unserer Flächen die Biodiversität zu stärken und Lebens- als auch Rückzugsräume für heimische Arten zu schaffen. Mit den Summspannwerken zeigen wir, dass sich technische Infrastruktur und Naturschutz gut und sinnvoll ergänzen können.
Umspannwerke sind sicherheitsrelevante technische Anlagen. Welche Voraussetzungen müssen erfüllt sein, damit dort überhaupt Biodiversitätsmaßnahmen möglich sind?
Friederike Müller: Versorgungs- und Arbeitssicherheit sowie der zuverlässige Betrieb unserer Anlagen haben oberste Priorität. Blumenwiesen setzen wir nur dort um, wo diese Anforderungen vollständig erfüllt sind, und keine Konflikte entstehen. Die Flächen unter stromführenden Elementen bleiben dementsprechend frei. Darüber hinaus prüfen wir die Eignung der Flächen genau. Für optimale Pflegearbeiten sollten sie zusammenhängend sein, in der Regel mindestens 500 Quadratmeter umfassen, keine starke Hangneigung aufweisen und weder stark verschattet noch von Staunässe betroffen sein. Auch eine gute Erreichbarkeit für Pflegearbeiten ist erforderlich. Zudem braucht es eine langfristige Perspektive. Maßnahmen kommen nur dort in Frage, wo keine Umbauten oder größeren Eingriffe geplant sind.
Was genau passiert, wenn ein Umspannwerk zum „Summspannwerk“ wird? Welche Schritte sind von der Flächenauswahl bis zur Einsaat und Pflege nötig?
Kim Kaczmarek: Der Ablauf folgt einem klar strukturierten Prozess. Zunächst werden geeignete Standorte priorisiert, häufig im Zusammenhang mit Um- oder Neubauten. Die Flächen werden vor Ort geprüft, dies auch in enger Abstimmung mit dem Betrieb. Anschließend erfolgt die fachliche Bewertung gemeinsam mit dem Netzwerk Blühende Landschaft. Auf Basis von Standortfaktoren wie Boden, Vegetation und betrieblichen Anforderungen wird ein passendes Konzept entwickelt. Je nach Ausgangssituation wird entweder regional angepasstes Saatgut eingesät oder wenn sich bereits eine ökologisch wertvolle Vegetation entwickelt hat, wird die Pflege umgestellt und diese gezielt weiter gefördert. Die anschließende Pflege stellt sicher, dass sich die Flächen langfristig positiv entwickeln.

Artenreiche Blühwiesen an Umspannwerken bieten Wildbienen, Hummeln, Schmetterlingen und anderen Bestäubern neue Lebensräume. | © Netze BW
Sie arbeiten mit artenreichen Blumenwiesen, angepassten Pflegekonzepten und fachlicher Begleitung. Warum ist die Pflege gerade so entscheidend für den langfristigen Erfolg?
Kim Kaczmarek: Die Pflege ist der zentrale Erfolgsfaktor, da eine artenreiche Wiese nicht allein durch die Einsaat entsteht, sondern durch die Entwicklung über mehrere Jahre hinweg. Jeder Standort bringt eigene Anforderungen mit sich. Boden, Klima und vorhandene Vegetation unterscheiden sich zum Teil erheblich, ebenso spielen äußere Einflüsse wie Wetter oder Nährstoffeinträge eine wichtige Rolle. Deshalb braucht es angepasste Pflegekonzepte, die gezielt auf die jeweiligen Gegebenheiten abgestimmt sind und flexibel weiterentwickelt werden. Entsprechend setzen wir auf eine angepasste Mahd und eine kontinuierliche fachliche Begleitung.
Bei der Preisverleihung wurde betont, dass es bei der ökologischen Flächengestaltung weniger um ein schnelles „Feuerwerk“ geht als um einen Prozess. Was bedeutet dieser Prozessgedanke für Ihr Projekt?
Friederike Müller: Der Prozessgedanke bedeutet, dass sich die Flächen über mehrere Jahre entwickeln. Die Pflanzen entfalten ihr Potenzial erst nach und nach, daher zeigt sich die volle Artenvielfalt nicht im ersten Jahr. Je nach Standort entstehen unterschiedliche Ausprägungen. Diese Dynamik ist gewollt und zeigt, dass sich stabile Lebensräume entwickeln. Wichtig ist die zuvor erwähnte, kontinuierliche Begleitung der Flächen und die Anpassung der Pflege. So entsteht nachhaltige und ökologisch wertvolle Qualität.
Auch Dienstleister und Mitarbeitende vor Ort werden eingebunden und geschult. Wie gelingt es, ein Projekt wie „Summspannwerke“ im Unternehmen zu verankern? Gerade bei Kolleginnen und Kollegen, die vor allem für den technischen Betrieb verantwortlich sind?
Corinna Toeche-Mittler: Entscheidend ist die frühe Einbindung der Mitarbeitenden. Der Betrieb wird von Anfang an beteiligt und kann seine eigenen Vorgaben einbringen. Das schafft Akzeptanz und verstärkt den Stolz auf die eigene Anlage. Das Thema wird nicht als zusätzliche Aufgabe wahrgenommen, sondern als Teil des eigenen Verantwortungsbereichs. Begleitet wird dies durch transparente Kommunikation über Fortschritte und Entwicklungen. Darauf aufbauend spielt die Zusammenarbeit mit Dienstleistern eine wichtige Rolle. Sie werden gezielt ausgewählt und eng begleitet, um eine fachlich hochwertige Umsetzung sicherzustellen.
Seit 2019 wurden bereits zahlreiche Standorte ökologisch aufgewertet. Welche Veränderungen konnten Sie bisher auf den Flächen, im Umgang mit der Pflege oder in der Wahrnehmung der Mitarbeitenden beobachten?
Friederike Müller: Von Jahr zu Jahr beobachten wir positive Entwicklungen auf unterschiedlichen Ebenen. Zum einen konnten wir bereits bis 2025 rund 70 Standorte entwickeln. Zum anderen sind auf den Flächen artenreiche Wiesen entstanden, in denen die Vielfalt an Pflanzen und bestäubende Insekten wie beispielsweise Wildbienen, Hummeln und Schmetterlinge stetig zunimmt. Die Entwicklung verläuft je nach Standort unterschiedlich, das Summen und Hummelbrummen hat auf unseren Wiesen deutlich zugenommen. Das liegt natürlich am Umdenken der Pflege: Sei es die Mahdzeitpunkte oder die eingesetzten Maschinen.
Auch im Unternehmen sehen wir einen deutlichen Wandel. Das Interesse an den Summspannwerken ist sehr groß, viele Kolleg*innen kommen direkt mit Ideen für neue Standorte auf uns zu und berichten hier und da von „unserem Summspannwerk“. All das zeigt uns, dass diese heute fest im Unternehmen verankert sind.
Netze BW plant, jährlich weitere Standorte umzugestalten. Wie geht es mit dem Projekt weiter und welche langfristigen Ziele verfolgen Sie?
Kim Kaczmarek: Unser Ziel ist es, die Summspannwerke konsequent weiter auszubauen und schrittweise alle geeigneten Standorte einzubeziehen. Gleichzeitig entwickeln wir bestehende Blumenwiesen weiter, um die Artenvielfalt langfristig zu sichern und diese in unserer Infrastruktur fest zu verankern. Die gesammelten Erfahrungen nutzen wir, um Konzepte und Pflege kontinuierlich zu verbessern.
Der Publikumspreis wurde durch mehr als 1.000 Stimmen vergeben. Was bedeutet es Ihnen, dass die Mehrheit der Stimmen für Ihr Engagement abgegeben wurde?
Corinna Toeche-Mittler: Der Publikumspreis bedeutet uns sehr viel, weil er eine besondere Form der Anerkennung ist – nicht nur fachlich, sondern vor allem durch die breite Zustimmung von innen und außen. Dass sich so viele Menschen aktiv für unser Projekt entschieden haben, sehen wir als starkes Zeichen, dass unser Ansatz verstanden und unterstützt wird. Das macht uns wirklich stolz.
Gleichzeitig bestärkt uns die Auszeichnung darin, den eingeschlagenen Weg konsequent weiterzugehen. Sie zeigt auch, dass wir mit unserem Projekt ein Thema treffen, das viele Menschen anspricht: Infrastruktur einmal anders zu denken und ihren Mehrwert für Natur und Gesellschaft sichtbar zu machen.

Netze BW wurde für das Projekt „Summspannwerke“ mit dem Publikumspreis des Biodiversitätspreises für die Wirtschaft 2026 ausgezeichnet. | © Tom Maelsa
Welchen Ratschlag würden Sie anderen Unternehmen geben, die technisch geprägte oder bislang wenig beachtete Flächen biodiversitätsfreundlicher gestalten möchten?
Friederike Müller: Ich würde anderen Unternehmen vor allem drei Dinge mitgeben: über den eigenen Tellerrand hinausdenken, Wille und Mut. Gerade technisch geprägte Flächen bieten oft Potenziale, die auf den ersten Blick gar nicht sichtbar sind. Wenn man bereit ist, neue Wege zu gehen, entstehen durchaus praktische Lösungen für die Förderung der Artenvielfalt. Eine wichtige Voraussetzung ist die Rückendeckung des Unternehmens. Dieses Vertrauen ist entscheidend, um solche Themen voranzubringen, Dinge auszuprobieren und auch langfristig zu denken. Es braucht den nötigen Freiraum und die Unterstützung, um das Thema konsequent zu entwickeln. Projekte wie diese entwickeln sich über die Zeit. Man lernt dazu, passt Dinge an und wird Schritt für Schritt besser.

„Die Freude wächst“: Das Projekt „Summspannwerke“ zeigt, wie technische Infrastruktur neue Räume für Biodiversität eröffnen kann. | © Netze BW
Vom Zweckraum zum Lebensraum
Technische Anlagen gehören zu den am stärksten funktional geprägten Flächen. Genau darin liegt ihr oft übersehenes Potenzial. Werden Reserveflächen, Randbereiche oder bislang wenig beachtete Areale anders gepflegt und gestaltet, können neue Lebensräume entstehen, ohne dass zusätzliche Flächen beansprucht werden.
Die „Summspannwerke” zeigen, dass auch sicherheitsrelevante Infrastruktur Teil einer ökologischen Entwicklung sein kann. Entscheidend ist dabei nicht die einzelne Blumenwiese, sondern der Prozess dahinter. Dass Netze BW mit diesem Ansatz den Publikumspreis erhalten hat, macht deutlich, wie verständlich und anschlussfähig das Thema Biodiversität sein kann. Ein Umspannwerk bleibt ein Ort der Energieversorgung. Gleichzeitig kann es zeigen, dass selbst technische Infrastruktur Raum für Vielfalt bietet, wenn Unternehmen bereit sind, ihre Flächen neu zu betrachten.
Unternehmen, die ihre eigenen Flächen neu denken möchten, finden im Projekt „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi” praxisnahe Ansätze und Beispiele. Auf der UBi-Webseite zu naturnahen Firmengeländen wird gezeigt, wie sich auch technisch geprägte Standorte in Lebensräume mit ökologischer Funktion entwickeln lassen.
Interviewpartnerinnen:
Friederike Müller, Teamleiterin Operative Nachhaltigkeit und Ökologie
Kim Kaczmarek, Projektleitung Summspannwerke
Corinna Toeche-Mittler, Managerin strategische Nachhaltigkeitskommunikation
Netze BW GmbH
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