Was im Feld sichtbar wird: Wie HiPP Biodiversität erforschen lässt

Bild des Autors erstellt am 25.08.2026
von CSCP gGmbH

Mit einer langfristig angelegten Insektenstudie hat HiPP wissenschaftliche Forschung zur Auswirkung ökologischer und konventioneller Landwirtschaft auf die Umwelt initiiert. Dafür wurde das Unternehmen mit dem Sonderpreis des Biodiversitätspreises für die Wirtschaft 2026 ausgezeichnet.

Wer über Biodiversität in der Landwirtschaft spricht, spricht oft über Maßnahmen: Blühstreifen, Hecken, Fruchtfolgen, weniger Pestizide. Doch bevor klar ist, was wirkt, braucht es Wissen. Daten, die über einzelne Beobachtungen hinausgehen. Vergleichbarkeit. Und vor allem Zeit.

Genau hier setzt eine Insektenstudie an, die HiPP initiiert hat. Seit 2018 werden auf Versuchsfeldern die Auswirkungen ökologischer und konventioneller Bewirtschaftungsformen miteinander verglichen – quantitativ und qualitativ, über mehrere Jahre hinweg und in Zusammenarbeit mit wissenschaftlichen Partnerorganisationen. Untersucht wird, wie sich unterschiedliche Formen der Landwirtschaft auf Insektenbiomasse, Artenvielfalt und ökologische Zusammenhänge auswirken.

Das ist ungewöhnlich, weil langfristige Forschung im Bereich Biodiversität oft schwer zu finanzieren ist. Viele Projekte laufen nur wenige Jahre, obwohl ökologische Entwicklungen Zeit brauchen, um belastbar nachgewiesen zu werden. Insbesondere ist das bei Forschungsvorhaben zu Insekten wichtig, da deren Bestände von Jahr zu Jahr stark schwanken können. HiPP fördert diesen Forschungsansatz über einen langen Zeitraum und schafft damit Grundlagenwissen, das nicht nur für das eigene Unternehmen relevant ist, sondern auch für Landwirtschaft, Wissenschaft, Gesellschaft und Politik.

Für dieses Engagement wurde die HiPP GmbH & Co. Vertrieb KG 2026 im Rahmen des Projekts „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ mit einem Sonderpreis im Wettbewerb „Biodiversitätspreis für die Wirtschaft“ ausgezeichnet. Der Preis würdigt ein Engagement, das nicht unmittelbar als klassische Flächenmaßnahme oder Lieferketteninitiative angelegt ist, aber eine wichtige Voraussetzung für biodiversitätsfreundliches Handeln schafft: ein besseres Verständnis davon, was auf landwirtschaftlichen Flächen tatsächlich passiert.

Im Interview sprechen wir mit Evi Weichenrieder, Leitung Nachhaltigkeitskommunikation bei HiPP, darüber, warum das Unternehmen langfristige Biodiversitätsforschung unterstützt, welche Erkenntnisse die Insektenstudie bisher liefert und wie wissenschaftliches Wissen in Kommunikation, Landwirtschaft und Unternehmenspraxis einfließen kann.

Eine Malaisefalle steht auf einer Wiese und dient der Erfassung von Insekten im Rahmen einer Biodiversitätsstudie.

Mit Malaisefallen werden Insekten im Feld erfasst, um Aussagen über Biomasse, Artenvielfalt und ökologische Zusammenhänge treffen zu können. | © HiPP

HiPP wurde mit einem Sonderpreis für die langfristige Unterstützung einer Insektenstudie ausgezeichnet. Was war der Ausgangspunkt für dieses Forschungsprojekt?

Der Ausgangspunkt für dieses Projekt war eine für uns noch nicht beantwortete Frage: Ist Bio tatsächlich besser für die Natur? Aus den über Jahrzehnte gewonnenen Erkenntnissen zu ökologischer Landwirtschaft war dies eine Schlussfolgerung, die für HiPP als Hersteller von Babynahrung in Bio-Spitzenqualität auf der Hand lag, allerdings nicht belegt war. Es gab zwar zahlreiche Einzelstudien, jedoch nur wenige langfristig angelegte Untersuchungen, die ökologische und konventionelle Bewirtschaftung unter vergleichbaren Bedingungen über mehrere Jahre hinweg gegenüberstellen. Meist waren solche Studien auch auf wenige Indikatorgruppen beschränkt, die nur sehr bedingt Rückschlüsse auf die Gesamtfauna erlauben, wohingegen die HiPP-Insektenstudie die Gesamtheit aller Fluginsekten in ihre Analysen einbezieht.

Die Studie vergleicht ökologische und konventionelle Bewirtschaftungsformen über mehrere Jahre hinweg. Was macht diesen langfristigen Ansatz Ihrer Meinung nach besonders wertvoll?

Der langfristige Ansatz ist besonders wertvoll, weil Biodiversität starken natürlichen Schwankungen unterliegt. In einem einzigen Jahr prägen beispielsweise Wetterverlauf, Häufigkeitsschwankungen bestimmter Arten, Pflegezeitpunkte oder andere Rahmenbedingungen die Daten. Erst über mehrere Jahre hinweg wird sichtbar, welche Muster und Trends sich als stabil erweisen und wo eher kurzfristige Schwankungen vorliegen. Für uns ist das langfristige Design deshalb entscheidend: Es macht die Ergebnisse robuster, reduziert das Risiko vorschneller Schlussfolgerungen und erlaubt es, ökologische und konventionelle Bewirtschaftung differenzierter zu vergleichen. Gerade bei Insekten braucht man diesen langen Atem, weil Populationsdynamiken komplex sind.

Insekten sind zwar klein, für Ökosysteme jedoch von zentraler Bedeutung. Was genau wird in der Studie untersucht und warum sind Insekten ein so wichtiger Indikator für die Biodiversität in der Landwirtschaft?

Untersucht werden vor allem Insektenbiomasse, Artenvielfalt und die Zusammensetzung der Insektengemeinschaften. Ungefähr 80 Prozent aller einheimischen Tierarten sind Insekten. Insekten sind zudem gute Indikatoren, weil sie schnell auf Bewirtschaftung, Lebensraumstrukturen und Ressourcenangebot reagieren. Über ihre Rolle als Bestäuber und als Teil der Nahrungskette sind sie elementar für ökologische Stabilität und Resilienz eines Ökosystems.

Ein Bläuling sitzt auf einer gelben Blüte in einer Wiese.

Insekten reagieren sensibel auf Bewirtschaftung, Lebensraumstrukturen und das vorhandene Ressourcenangebot. | © HiPP

Welche Ergebnisse oder Beobachtungen aus der Studie waren für Sie bisher am aufschlussreichsten?

Aufschlussreich ist vor allem, dass Biodiversität von vielen Faktoren beeinflusst wird und abhängt: Bewirtschaftungsform, Mahdhäufigkeit, Landschaftsstruktur und Nähe zu Waldrändern zum Beispiel. Dass die ökologisch bewirtschafteten Flächen hinsichtlich Biomasse und Vielfalt in dieser Deutlichkeit besser abschneiden, hatten die beteiligten Wissenschaftler nicht erwartet. Dass tatsächlich im Durchschnitt auf den Bio-Flächen 50 Prozent mehr Insektenarten, 50 Prozent mehr Schmetterlingsarten und doppelt so viele Rote-Liste-Arten vorkommen, ist beeindruckend und erschreckend zugleich. Eine weitere Information aus den Daten ist das große Schwankungsspektrum an gleichen Fallenstandorten in unterschiedlichen Jahren.

Das Projekt wird gemeinsam mit wissenschaftlichen Partnerorganisationen umgesetzt. Welche Rolle spielt diese Zusammenarbeit für die Qualität und Glaubwürdigkeit der Ergebnisse?

Die Zusammenarbeit ist entscheidend für Qualität und Glaubwürdigkeit. HiPP ermöglicht und begleitet das Projekt, aber Methodik, Auswertung und wissenschaftliche Einordnung liegen bei den Wissenschaftlern der Zoologischen Staatssammlung München und der Universität Salzburg sowie weiteren wissenschaftlichen Partnern, die auch über Veröffentlichungen in Fachzeitschriften die Ergebnisse nachvollziehbar und überprüfbar machen.

Eine Person steht nachts neben einer beleuchteten Insektenfalle.

Zur Erfassung von Insekten kommen je nach Untersuchungsdesign unterschiedliche Methoden zum Einsatz. | © HiPP

HiPP arbeitet eng mit Landwirtschaft und Lieferketten zusammen. Wie fließen Erkenntnisse aus der Studie in die Arbeit mit Landwirtinnen und Landwirten oder in interne Entscheidungsprozesse ein?

Die Erkenntnisse helfen uns, landwirtschaftliche Praxis konkreter einzuordnen. Dabei wird deutlich, dass neben Faktoren wie Mahdzeitpunkten, Randstrukturen, Rückzugsräumen und dem Ressourcenangebot auch Stickstoff eine wichtige Rolle spielt, da er die Lebensraumstrukturen stark beeinflusst. Für die Zusammenarbeit mit Landwirtinnen und Landwirten bedeutet das: Wir können faktenbasierter über Maßnahmen sprechen, die Biodiversität unterstützen. Durch unser großes Erzeugernetzwerk gelingt es, die sich aus den Studienergebnissen abgeleiteten Maßnahmen flächendeckend breit zu streuen.

Bei der Preisverleihung wurde deutlich, dass die Studie auch ganz praktische Impulse gibt, beispielsweise für den Umgang mit Flächen, Pflege oder Lebensräumen im Frühjahr. Können Sie ein Beispiel dafür nennen, wie aus Forschung konkrete Handlungsempfehlungen entstehen?

Ein Beispiel ist die Pflege von Wiesen und Randbereichen. Die Studien zeigen, dass Mahdhäufigkeit, Habitatstruktur und Waldränder einen Einfluss auf Insektenvielfalt haben können. Daraus folgt praktisch: Rückzugsräume erhalten, Pflegezeitpunkte prüfen und strukturreiche Randbereiche gezielt fördern.

Langfristige Forschung braucht Ressourcen und einen langen Atem. Warum ist es HiPP wichtig, ein solches Projekt auch dann weiterzuführen, wenn Ergebnisse nicht sofort wirtschaftlich messbar sind?

Weil Biodiversität eine wesentliche Grundlage zukunftsfähiger Landwirtschaft ist. Kurzfristig ist ihr Wert vielleicht nicht wirtschaftlich messbar, langfristig aber entscheidend für stabile Ökosysteme, Bodenfruchtbarkeit und widerstandsfähige Agrarsysteme. HiPP investiert deshalb in Wissen, das bessere Entscheidungen ermöglicht, nicht zuletzt weil wir als Verarbeiter agrarischer Rohstoffe in erster Linie auf die Bestäuberleistung und Bodenfruchtbarkeit angewiesen sind. Und auch die Bodenfruchtbarkeit hängt an Vielfalt, da zahlreiche Organismen sie beeinflussen. Die Balance und Pufferwirkung eines funktionierenden Ökosystems kann beispielsweise unkontrollierte Massenvermehrungen von Schädlingen verhindern, wenn deren Antagonisten wie Parasiten und Fressfeinde in ausreichender Häufigkeit vorhanden sind.

Wie werden die Erkenntnisse aus der Studie kommuniziert? Sowohl nach innen als auch nach außen, gegenüber landwirtschaftlichen Partnern sowie gegenüber Kundinnen und Kunden?

Wir kommunizieren die Erkenntnisse zielgruppengerecht: intern zur Einordnung von Biodiversität, mit landwirtschaftlichen Partnern praxisnah und nach außen verständlich und transparent über die uns zur Verfügung stehenden Kanäle. Dabei ist uns wichtig, wissenschaftliche Erkenntnisse verständlich zu vermitteln, ohne sie zu sehr zu vereinfachen.

Welche Bedeutung hat Biodiversität Ihrer Meinung nach für die Zukunft der Landwirtschaft und die Lebensmittelproduktion?

Biodiversität ist für die Zukunft der Landwirtschaft zentral. Sie sichert Leistungen wie Bestäubung, Bodenfruchtbarkeit, natürliche Regulation und stabile Agrarökosysteme. Wie wertvoll dies ist, zeigt eine Analyse von BCG und dem NABU aus dem Jahr 2020: Ökosystemleistungen wie Bestäubung, Klimaregulierung oder fruchtbare Böden werden weltweit auf 170 bis 190 Billionen US-Dollar pro Jahr geschätzt. Für Lebensmittelproduzenten wie HiPP folgt daraus, dass sie Produktivität und Schutz natürlicher Lebensgrundlagen zusammen denken müssen.

Was bedeutet der Sonderpreis des Biodiversitätspreises für die Wirtschaft 2026 für HiPP und für die Menschen, die das Forschungsprojekt seit Jahren begleiten?

Der Sonderpreis bestätigt unseren Weg und würdigt das Engagement aller Beteiligten. Besonders freut uns, dass damit die Bedeutung langfristiger Biodiversitätsforschung sichtbar wird.

Vertreterinnen und Vertreter bei der Preisverleihung halten die Urkunde für den Sonderpreis des Biodiversitätspreises für die Wirtschaft 2026 an HiPP.

HiPP wurde 2026 mit dem Sonderpreis des Biodiversitätspreises für die Wirtschaft ausgezeichnet. | © Tom Maelsa

Was würden Sie anderen Unternehmen raten, die Biodiversität besser verstehen und in ihre Entscheidungen einbeziehen möchten, aber noch nicht wissen, wie sie beginnen sollen?

Mein Rat wäre: Starten Sie mit einer ehrlichen Bestandsaufnahme und binden Sie hierfür Expertinnen und Experten aus Ihrer Region ein. Dank vieler ehrenamtlicher Initiativen und professioneller Angebote wie dem Projekt „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi“ gibt es für Unternehmen hervorragende Unterstützung, ohne zwingend eigene Expertise aufbauen zu müssen.

Warum Biodiversität Zeit braucht

Die von HiPP initiierte Insektenstudie zeigt, dass Biodiversität nicht nur eine Frage einzelner Maßnahmen ist. Sie ist auch eine Frage des Verstehens. Wer wissen will, wie Landwirtschaft auf Artenvielfalt wirkt, braucht belastbare Daten, wissenschaftliche Begleitung und die Bereitschaft, Entwicklungen über längere Zeiträume zu beobachten.

Gerade darin liegt die besondere Qualität des Projekts. Es liefert nicht nur Momentaufnahmen, sondern ermöglicht Vergleiche, die langfristige Entwicklungen auf der Basis eines umfassenden Artenspektrums sichtbar machen. So entsteht Wissen, das helfen kann, landwirtschaftliche Praxis besser einzuordnen, Maßnahmen gezielter auszurichten und die Bedeutung ökologischer Bewirtschaftung nachvollziehbar zu kommunizieren.

Für Unternehmen liegt darin ein wichtiger Impuls. Biodiversität lässt sich nicht allein über Absichtserklärungen stärken. Sie braucht Fragen, Beobachtung und die Bereitschaft, aus Forschung konkrete Schlüsse für die eigene Praxis zu ziehen. Manchmal beginnt der nächste Schritt nicht mit einer neuen Maßnahme, sondern mit dem genaueren Hinsehen.

Unternehmen, die sich intensiver mit ihren Auswirkungen und Abhängigkeiten beschäftigen möchten, finden im Projekt „Unternehmen Biologische Vielfalt – UBi” praxisnahe Ansätze und Orientierung. Der Signifikanz-Check bietet einen Einstieg, um Biodiversität im eigenen Unternehmen besser einzuordnen und Handlungsfelder zu identifizieren.

Interviewpartnerin:

Evi Weichenrieder, Leitung Nachhaltigkeitskommunikation

HiPP GmbH & Co. Vertrieb KG
Georg-Hipp-Str. 7
D-85276 Pfaffenhofen (Ilm)

E-Mail: nachhaltigkeit@hipp.de
https://www.hipp.de/

 

Copyright Titelbild: Angelika Salomon

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